02/07/14

Vergangenheitsformen der Zukunft

Das Kunstmuseum Solothurn würdigt die Schweizer Videokünstlerin Silvie Defraoui mit einer umfangreichen Werkschau

von Simon Baur

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Silvie Defraoui, Bruits de surface, 1995, Foto: Georg Rehsteiner

Das Kunstmuseum Solothurn würdigt die Schweizer Videokünstlerin Silvie Defraoui mit einer umfangreichen Werkschau

Auch wenn Silvie Defraoui (*1935) zu den Pionierinnen der Video-Kunst in der Schweiz gehört, so bewegen sich ihre Arbeiten nicht nur in diesem Medium, sie sind vielschichtiger, oft transdisziplinär und vor allem multikulturell. Ihr Umgang mit der Sprache des bewegten Bildes, lässt in ihren Arbeiten eine besondere Sensibilität für die adäquate Beurteilung von Zeichen und Figuren unterschiedlicher Kulturen erkennen. Zusammen mit ihrem Mann Chérif Defraoui (1932-1994) arbeitete sie ab 1975 an den „Archives du futur“ und dieser intensiven Beschäftigung mit Zeit, Existenz und Wahrnehmung ist sie bis heute treu geblieben.

Hinzu kommt, dass Chérif, in Genf geboren und französischer und ägyptischer Abstammung, und Silvie, gebürtig aus dem Kanton St. Gallen, unterschiedlichen Kulturkreisen angehören, was die Bedeutung von Zeichen anbelangt. Zudem arbeitet Silvie Defraoui seit Jahren in Spanien – seit langem ein Schmelztiegel für die Kulturkreise des Okzidents und des Orients. Diese unterschiedlichen Perspektiven sind in den Werken permanent zu erkennen. Der Widerspruch, der in den zukünftigen Archiven eingeschrieben ist, macht deutlich, dass ihre Kunst sowohl in unterschiedliche Richtungen sich ausbreitet als auch in unterschiedlichen Zeiten, Ebenen, Denksystemen und Prozessen sich manifestiert. Das Amalgam von Zeichen und Symbolen, lässt sich im Kunstmuseum Solothurn, bereits im ersten Raum beobachten. Der Blick richtet sich auf den für einen Museumsboden untypischen Terrazzo, ein Fussbodenbelag, der schon mehrfach repariert wurde, sehnenartige Verläufe lassen es erkennen. Dies bewirkt bereits unterschiedliche Lesarten. Diesen Boden beklebt Silvie Defraoui mit Formen, die an Ornamente auf Steinfliesen erinnern. Unmittelbar daneben findet sich eine podestartige Bühnenkonstruktion, welche die geometrische Anordnung von Beeten und Kanälen orientalischer Gärten suggeriert. An der dahinterliegenden Wand sind Fotos der Serie „Intervall“ zu sehen, Aufnahmen von Hausfassaden, Innenräumen, Bodenfliesen und Landschaften, über die Fragmente der Bodenarbeit gelegt wurden.

Bis man den Zusammenhang von Fragment und Bodenarbeit erkennt, denkt man vor allem an Schriftbilder und liegt auch damit nicht falsch. Zwei Räume weiter ist eine andere Arbeit zu sehen, in der die Schrift parzelliert wird, um den Spekulationsgrad zu erhöhen. Es sind Bilder, auf denen sich jeweils Buchstaben, die ein Wort ergeben, befinden. Der untere Teil des Wortes ist weggeschnitten, sodass sich erst über intensives Schauen und Kombinieren der Sinn der Worte erschliesst. Diese Arbeit lässt sich als Parabel auf die Kunst lesen, auch sie erklärt sich vor allem über Schauen und Kombinieren.

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Silive Defraoui, Lune noir, 2014, Foto: Georg Rehsteiner

Und darum geht es auch in der Arbeit „Bruits de Surface“. In immer wieder neuen Anläufen wird Milch in hohe, zylinderförmige Gläser gegossen. Mit dem Auffüllen wird eine weisse Projektionsfläche hochgezogen, auf denen Bilder von Erinnerungen nach und nach sichtbar werden. Schliesslich werden die Gläser mit einer Handbewegung vom Tisch gefegt und neue Gläser werden aufgefüllt. Dieses Sichtbarmachen von Bildern aus dem Nichts, in Kombination mit dem zeitlichen und räumlichen Faktor der fliessenden Milch, zeigt nicht nur, wie sinnlich und ästhetisch anspruchsvoll Silvie Defraouis Arbeiten sind, es macht auch deutlich, wie umfassend sie sich mit Werden und Vergehen befassen. Man fühlt sich heimisch und doch auch auf sich selbst gestellt. Doch die „Archives du futur“ sind auch eine wunderbare Metapher auf das Leben.

Silvie Defraoui: Und überdies Projektionen (Archives du futur).

Kunstmuseum Solothurn

Werkhofstr. 30, Solothurn.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 17.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 3. August 2014.

 




Kunstmuseum Solothurn