01/07/14

Das Display als Konzept

Von der Wirklichkeit als Fortsetzung des Gehirns. Haim Steinbach in der Kunsthalle Zürich

von Dietrich Roeschmann

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Haim Steinbach, One again the world is flat, 2013, Ausstellungsansicht CSS Bard Hessel Museum, 2013, © Jean Vong

Von der Wirklichkeit als Fortsetzung des Gehirns. Haim Steinbach in der Kunsthalle Zürich

Man kann die Dinge dieser Welt stundenlang betrachten, einfach so: Neugierig, offen, interesselos im Kantschen Sinn. Doch dann gibt es da Momente, an denen sich aus heiterem Himmel ein seltsam drängendes Gefühl einstellt: Haben wollen, und zwar sofort! Für den 1944 in Israel geborenen New Yorker ist dieser Reflex das Fundament, auf dem er seit gut drei Jahrzehnten seine komplexen Installationen errichtet.

In der Kunsthalle Zürich stehen ihm dafür nun gleich zwei komplette Stockwerke zur Verfügung. Die kühle Monumentalität des White Cube aushebelnd, hat Steinbach hier zahllose Trockenbaugerüste eingezogen, die teils mit Gipskartonplatten zu Wandflächen geschlossen wurden, teils den Durchblick in die angrenzenden Räume erlauben. Diese temporären Architekturen dienen ihm wiederum als Träger von Konsolen und Regalen, auf denen er Dutzende von gefundenen oder gekauften Objekten zu hermetischen Reihen arrangiert hat. Oft posieren sie vor schrillen Tapetenlayouts aus unterschiedlichen Dessins, die wie Dekovorschläge aus den Musterbüchern des Malerfachhandels wirken: Niedliche Vintage-Teddybären, chromglänzende Designkessel, poppige Cornflakes-Schachteln, Deko-Vasen, Gummitiere. Die Präsentationsform zwischen Wunderkammer,  Einrichtungshaus und Brockenstube lässt jedes dieser Objekte zugleich als persönliches Erinnerungsstück und als Ware erscheinen.

Was im ersten Moment wie eine Aktualisierung von Marcel Duchamps Konzept des „Ready-mades“ wirkt, zielt jedoch in eine andere Richtung. Statt Alltagsdinge in den Kunstkontext zu überführen und sie so in den Fokus ästhetischer Erfahrung zu rücken, geht es Steinbach darum, das Ausstellen der Dinge selbst auszustellen. Die Wand und das Regal übernehmen dabei eine zentrale Funktion. Sie geben den Rahmen vor und strukturieren den Raum als Präsentationsraum, entziehen sich in ihrer eigenen Objekthaftigkeit zugleich aber der bewussten Wahrnehmung. Steinbachs Strategie der Akkumulation – Einzelobjekt im Gruppenarrangement auf Schaukonsole an Kulissenwand in Ausstellungsarchitektur – rückt sie nicht nur wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit, sondern macht anhand dieser Schichtungen die Verwandlung vom Objekt zum Fetisch sichtbar. Das Interieur wird so zu einer Art Querschnittsmodell der Repräsentation.

Dass diese Ausstellung überraschend gegenwärtig wirkt, obwohl ein Großteil der Arbeiten aus den 1970er- bis 1990er-Jahren stammt, ist kein Zufall.  Schon zu Beginn seiner Karriere interessierte sich Steinbach für das Konzept des „Displays“ als Bühne und Projektionsfeld für die potenziell unzähligen Beziehungen, in welche die Objekte dieser Welt miteinander treten können. Das Regal aus dem Möbelhaus und das Display des Smartphones sind in diesem Sinne nur zwei unterschiedliche Medien ein und derselben Idee der Projektion von Vorstellungen in den sozialen, kulturellen und architektonischen Raum. Sie sind, wie Steinbach sagt, „in Wirklichkeit ein Fortsatz unseres Gehirns“. Die Frage, die sich daran knüpft, gehört derzeit zu den meist diskutierten Problemen im Dialog von Kunst und Philosophie: Welche Realität haben die Dinge abseits unserer Wahrnehmung?         

 

Haim Steinbach, One again the world is flat.

Kunsthalle Zürich

Limmatstr. 270, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 17. August 2014.

 




Kunsthalle Zürich