30/06/14

Schwarmintelligenz der Farbpartikel

Der Liebling des Kunstmarktes, der amerikanische Maler Mark Grotjahn, stellt im Kunstverein Freiburg aus

von Dietrich Roeschmann
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Mark Grotjahn, Untitled (Circus No. 3, Face 44.20), 2013, Courtesy Mark Grotjahn, © Mark Grotjahn

Der Liebling des Kunstmarktes, der amerikanische Maler Mark Grotjahn, stellt im Kunstverein Freiburg aus

Unter amerikanischen Sammlern ist Mark Grotjahn längst kein Geheimtipp mehr. Der kalifornische Maler, 1968 in Pasadena geboren, war Anfang der Nullerjahre mit seinen „Butterfly Paintings“ berühmt geworden, einer Serie abstrakter, entlang einer vertikalen Mittelachse gespieglter, leicht verschobener Strahlenkompositionen. Die streng formalistisch konzipierten Bilder legten zahllose Fährten in die Kunstgeschichte, weckten Assoziationen an Hard Edge, Op Art und Farbfeldmalerei, an den Abstrakten Expressionismus der 1950er Jahre, spielten auch mit dem Sog der Weite im amerikanischen Road Movie oder mit dem Sex Appeal psychedelischer Designs. Ihre malerische Delikatesse, gepaart mit popkulturell informierter Coolness, machten Grotjahn zum Liebling einer jungen, reichen Sammlerszene – und zum teuersten Künstler seiner Generation. 2010 wurde ein „Butterfly“-Diptychon in Sahneweiß für 4,1 Mio. US-Dollar versteigert, drei Jahre später wechselte ein blutrotes Singleformat gar für 6,5 Mio. den Besitzer – an einer Benefiz-Auktion für die Umweltstiftung von Hollywood-Star Leonardo DiCaprio.

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Mark Grotjahn, Untitled (The Skies Remembered, French Mask M31.c), 2014, Courtesy Mark Grotjahn, © Mark Grotjahn

Dass Grotjahns jüngster Zyklus „Circus Circus“ erstmals nun ausgerechnet im Kunstverein Freiburg gezeigt wird, ist da durchaus bemerkenswert. Auch wenn die Ausstellungen dort immer wieder auf internationale Resonanz stoßen – zu den Hot Spots des Kunstbetriebs gehört das Haus sicher nicht. So dürften tatsächlich wohl eher die zeitliche und geografische Nähe zur Art Basel den Ausschlag gegeben haben, dass sich Grotjahn und sein Galerist, Art-Basel-Teilnehmer Anton Kern, zu dieser Premiere im Hinterland der Kunstmesse entschieden haben. Zu sehen sind in Freiburg sieben der bislang 14 Großformate des „Circus“-Zyklus sowie eine wüst bemalte Skulptur nach Vorlage eines selbstgebastelten Pappkameraden. Wie schon die „Faces“, mit denen Grotjahn in den Neunzigern sein Bildprogramm formulierte, gehen auch die neuen Bilder auf eine grob skizzierte Maskenform zurück. Sie dient ihm als eine Art Landkarte, anhand der er mit dem Palettenmesser, viel Farbe und kontrolliert expressivem Gestus serielle Exkursionen durch die Malereigeschichte unternimmt: Mandelförmige Augen im Picasso-Look spähen da hinter dicken Streifenbüscheln hervor, die entfernt an die Hard-Edge-Malerei Frank Stellas erinnern und versteckte Clowns-Fratzen überwuchern, inspiriert von Willem de Koonings „Woman“-Bildern, von Jackson Pollock, Miró und – wie Grotjahn für „Circus“ betont – von George Seurat. Und tatsächlich: Ist es nicht diese Schwarmintelligenz kleinster Farbpartikel, der sich die eigentümliche Schwerelosigkeit dieser Bildräume verdankt? Keine Frage: Diese Malerei legt viel Wert darauf, gut auszusehen – was ihr auch mühelos gelingt. Nimmt man die kalkulierte Lesbarkeit ihrer kunst­historischen Referenzen und ihre Pop-Attitüde hinzu, lässt sich erahnen, warum Grotjahns Bilder für Sammler so attraktiv sind. Auf seltsam entschiedene Weise wirken sie aufgeklärt und abgeklärt zugleich, geben sich hemmungslos expressiv und sind dennoch überraschend kühl in ihrer durchschaubaren Konstruiertheit. Grotjahn, könnte man meinen, rettet mit seiner Malerei den postmodernen Blick auf die Moderne in die Gegenwart hinüber – und mit ihr den guten alten Abstandhalter Ironie. In Freiburg übernimmt diesen Part eine in Bronze gegossene Pappmaske, der Grotjahn eine Pinocchio-Nase aus Frischhaltefolienrolle ins Gesicht gesteckt hat, bevor er sie mit in Farbe getauchten Händen wüst bearbeitete. Angesichts der wolkenartig verschmierten Verläufe von Weiß, Blau und Rot, die das Objekt einhüllen, seufzte ein Besucher an der Vernissage allen Ernstes: „Für mich ist das Monet“.  

Mark Grotjahn, Circus Circus

Kunstverein Freiburg

Dreisamstr. 21, Freiburg.

Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 12.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 12.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 27. Juli 2014.

 




Kunstverein Freiburg