30/06/14

Im Modus des Schlenderns

Große kleine Welt. Eine Ausstellung im Aargauer Kunsthaus widmet sich dem Dichter Robert Walser

von Dietrich Roeschmann
Thumbnail

walserhirschhorn.jpg

Thomas Hirschhorn, Robert Walser Tanz, 2006
,
 © ProLitteris, Zürich

Große kleine Welt. Eine Ausstellung im Aargauer Kunsthaus widmet sich dem Dichter Robert Walser

Hut auf, Mantel an, raus an die frische Luft. „Spazieren muss ich unbedingt, um mich zu beleben und um die Verbindung mit der lebendigen Welt aufrechtzuerhalten“, schrieb Robert Walser 1917 in seiner Erzählung Der Spaziergang“. Der von leiser Panik getriebene Realitätshunger, der in diesen Zeilen anklingt, liefert derzeit den Nährboden für eine umfangreiche Gruppenschau, mit der das Aargauer Kunsthaus dem Einfluss von Walsers Werk und Leben auf die Bildende Kunst nachspürt. So seltsam aus der Zeit gefallen eine solche Hommage an einen Literaturklassiker im ersten Moment wirken mag, so naheliegend erscheint sie im Falle Walsers. Kaum ein Schriftsteller hat unter Kunstschaffenden mehr Fans und Groupies als dieser verschrobene Flaneur zwischen der Schweizer Provinz und dem Berlin des frühen 20. Jahrhunderts, der 1956 auf einer seiner einsamen Wanderungen starb, mehr als 20 Jahre, nachdem er mit dem Schreiben aufgehört hatte und kaum noch jemand seinen Namen kannte. Doch es ist nicht allein das tragische Schicksal Walsers, das die Künstler zu faszinieren scheint, sondern vor allem seine entschleunigte, für die banalsten Dinge empfängliche Wahrnehmung der Welt im Modus des Schlenderns.

Tatsächlich könnte man in Walser einen frühen Vorläufer der zuletzt wieder verstärkt diskutierten Spaziergangswissenschaft des Basler Soziologen Lucius Burckhardt sehen. Die Ausstellung in Aarau bietet dafür spannende Anhaltspunkte. Rund vierzig Arbeiten hat Direktorin Madeleine Schuppli zusammengetragen, darunter Landschaftsgemälde von Walsers Zeitgenossen und Werke von Rosemarie Trockel, Thomas Hirschhorn, Marcel van Eeden und Thomas Schütte, viele nicht älter als zehn Jahre. Was die aktuelleren Arbeiten eint, ist ein starkes Interesse an Walsers Achtsamkeit für das Alltägliche und die auf seinen Wanderungen – wie Reto Sorg im Katalog formuliert – „mitlaufende Reflexion“. Ein schönes Beispiel dafür ist Mark Wallingers Videoarbeit „Shadow Walk“, für die der Brite bei einem Spaziergang durch London seinen eigenen Schatten auf dem Trottoir filmte und so ein ebenso radikal-subjektives wie dokumentarisches Porträt einer urbanen Landschaft entwirft. Marie José Burki dagegen wählt für ihre Doppelprojektion „Große kleine Welt“ eine distanziertere Perspektive. Doch der träge, fast dösende Blick ihrer Kamera, mit dem sie unspektakuläre Ansichten aus Walsers Geburtsstadt Biel einfängt, erzeugt auch bei ihr eine intime Atmosphäre, in der Landschaft als das Konstrukt einer permanenten Überschneidung von innerer und äußerer Perspektive lesbar wird. „Man braucht nicht viel Besonderes zu sehen“, war sich Walser sicher, „man sieht schon so viel“.   

Ohne Achtsamkeit beachte ich alles. Robert Walser und die Bildende Kunst

Aargauer Kunsthaus

Aargauerplatz, Aarau.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 27. Juli 2014.

Am 2. Juli 2014 findet um 18.00 Uhr ein Werkvortrag von Thomas Hirschhorn mit anschließendem Gespräch statt.

 

 

 




Aargauer Kunsthaus