08/10/12

Stumm leuchtende Frauengestalten

Die Künstlerin Anastasia Khoroshilova befasst sich im Kunsthaus Baselland mit der Geiselnahme von Beslan.

von Yvonne Ziegler
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Die Künstlerin Anastasia Khoroshilova befasst sich im Kunsthaus Baselland mit der Geiselnahme von Beslan.9566khoroshilova2.jpg

In unserer Welt geschieht zu viel Entsetzliches. Ständig überlagern neue Schreckensnachrichten vorangegangene. Erinnern fällt zunehmend schwer, vor allem wenn Ereignisse in weiter Ferne geschehen. Medien spielen für die Präsenz und das Gedenken eine entscheidende Rolle. Die russische Künstlerin Anastasia Khoroshilova (*1978) begegnete 2005 Menschen, die die Geiselnahme in der nordkaukasischen Stadt Beslan erlebt hatten. Am 1. September 2004 hatten in einem Schulhaus tschetschenische und iguschetische Terroristen mehr als 1100 Kinder und Erwachsene für drei Tage in ihre Gewalt gebracht, um die Freiheit von inhaftierten Rebellen und die Unabhängigkeit der Kaukasusrepublik zu erringen. Durch die quälende Gefangenschaft und bei der befreienden Erstürmung des Gebäudes starben offiziellen Verlautbarungen zufolge 331 Geiseln. Die genauen Vorgänge sind bis heute nicht wirklich geklärt. Als die in Berlin und Moskau lebende Künstlerin vor zwei Jahren bemerkte, dass das schreckliche Ereignis in Vergessenheit gerät, reiste sie in den Nordkaukasus. Sie kam an Orte, deren Namen ihr aus der Medienberichterstattung bekannt waren, die jedoch vormals für die Schönheit des Kaukasus standen. Sie sprach mit Betroffenen, die in der Natur ihren Frieden zu finden versuchen. Im Kunsthaus Baselland zeigt sie drei großformatige Panoramafotos der ruhigen Berglandschaft. Außerdem schuf Khoroshilova, die an der Düsseldorfer Akademie bei Jörg Sasse studierte, eine Installation aus neun, in Militärfarbe gestrichenen Transportkisten, in deren Inneren jeweils eine große Fotolichtbox und ein kleiner Videomonitor befestigt sind. Auf der Kante stehend und mehr oder weniger weit geöffnet geben sie den Blick auf Porträts von ehemals festgehaltenen Frauen frei, die fast alle während der Geiselnahme ein Kind verloren haben. Ihre aufrechte, dem Schicksal trotzende Haltung beeindruckt. Der jeweiligen Lichtbox gegenüber laufen auf dem kleinen Videomonitor damalige Medienberichte von deutschen, englischen oder russischen News-Sendern. Nur wer sich hinabbeugt, kann die Beiträge hören, die Ereignisse nochmals ins Gedächtnis rufen, die Hypothesen, Vermutungen und dramatisch geschilderten Vorgänge vergegenwärtigen. Der Medienwirbel steigert die Monumentalität der stumm leuchtenden Frauengestalten. Die Kästen sind im engen Raum dicht beieinander und doch locker aufgestellt, ihre geöffneten Klappen veranschaulichen konkrete Möglichkeiten des Schließens und Öffnens, symbolisieren Vergessen, Vergegenwärtigen und Konstruieren von Geschichte – individuell, kollektiv und medial.

Anastasia Khoroshilova
Kunsthaus Baselland

St. Jakob-Str. 170, Basel-Muttenz.

Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 14.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 11. November 2012.
Kunsthaus Baselland
Culturescapes