23/06/14

Hier schlägt das Herz

Der Berliner Fotograf Tobias Zielony zeigt in der Ursula Blickle Stiftung Aufnahmen zwischen Authentizität und Inszenierung

von Annette Hoffmann
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Tobias Zielony, Le Vele di Scampia, 2009, Courtesy Tobias Zielony und KOW, Berlin

Der Berliner Fotograf Tobias Zielony zeigt in der Ursula Blickle Stiftung Aufnahmen zwischen Authentizität und Inszenierung

Derartige Abhängigkeiten haben bereits Fotografiegeschichte geschrieben. Irgendwo am Rande Berlins, dort, beim Straßenstrich, sitzen zwei junge Mädchen auf dem Bett. Ihre Sprache ist abgehackt, kämpft gegen die Drogendumpfheit an, die beiden umarmen sich. Von einem Küchenmesser ist die Rede, von einem Mann, der sich Zeit kaufen musste, um mit der einen zusammen zu sein, von Schlaftabletten, die er genommen hat, von hinterlassenen Abschiedsbriefen. Am Ende werden alle überlebt haben und nichts ist gut. Der Berliner Fotograf Tobias Zielony (*1973) ist jemand, der die Ränder der Gesellschaft aufsucht und die Menschen, die dort leben, zum Zentrum seines Werkes werden lässt. Bekannt geworden ist Zielony, der zuerst in England Dokumentarfotografie studierte, dann nach Leipzig zu Timm Rautert an die Hochschule für Grafik und Buchkunst ging, durch seine Aufnahmen von jugendlichen Subkulturen.

Was ihn interessierte, waren die Codes dieser Mikrostrukturen. Dabei ist Zielony niemand, der an die Authentizität der Streetphotography glauben würde, das Licht der Kamera schafft auf seinen Fotografien eine Bühne für Posen, ausgestellte Sehnsüchte und Selbstinszenierungen, die oftmals durch Popkultur und Klischees gebrochen sind. Die Narrationen, die all dies auslösen, können, sie müssen aber nicht stimmen. In der Ursula Blickle Stiftung ist nun eine von Mario Kramer, Sammlungsleiter des Museum für Moderne Kunst Frankfurt, kuratierte Einzelausstellung des Fotografen zu sehen. In Kraichtal hat er neben „Der Brief“ ein weiteres Video platziert, in dessen Mittelpunkt eine junge Prostituierte steht. Der Straßenstrich kann einer der einsamsten Orte der Welt sein; Autos fahren vorbei, ansonsten Wald und Natur, einmal blickt die Kamera in die Sonne und alles scheint in einer roten Reflexion unterzugehen. Nach Sonnenuntergang windet die junge Frau, die mit Leggings und einem Babydoll bekleidet ist, eine Leuchtkette um ihren molligen Körper. Ohne Sichtbarkeit keine Aufmerksamkeit und damit keine Einnahmen.

Vor acht Jahren arbeitete Tobias Zielony in Berlin an seiner Serie „Big Sexy­land“, die er nun für diese Ausstellung neu eingerichtet hat. Es sind Porträts junger Männer, die sich prostituieren. Jedes Mal, wenn ein neues Gesicht für vier, fünf Bilder in den Fokus gerät, pausiert das Dia-Magazin für einen kurzen Moment. Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigen Männer in Stadtbrachen, irgendwo zwischen Busbahnhof und Backsteinmauer, manche rauchen, einer hat markante, schöne Gesichtszüge, ein anderer trägt einen Rucksack als sei er auf dem Sprung und ein anderer Mann, dessen Finger Narben aufweisen, eine Plastiktüte mit dem Aufdruck „Hier schlägt das Herz“. Zu wieder einem anderen gesellt sich ein zweiter Mann, sie rauchen zusammen, ist es ein Freier, ein Freund? Zielonys Fotos erzählen nicht die letzten Geheimnisse der Porträtierten. Zielony bleibt eine Weile, dann geht er wieder, er ist weder Sozialarbeiter noch Voyeur.

Tobias Zielony sucht in dieser Einzelschau die Gegenüberstellung von Fotografie und Video. Abzüge flankieren das bewegte oder projizierte Bild und hinterfragen die Bedingungen des jeweiligen Mediums. In „Le Vele di Scampia“ hat Zielony 2009 gut 7000 Einzelaufnahmen zu einem verwackelten Film montiert, dessen eigentlicher Hauptakteur der brutalistische Bau „Le Vele di Scampia“ in Neapel ist. In den 1970er Jahren wurde die Siedlung als Beispiel des sozialen Wohnungsbaus geplant und wurde bald ein Umschlagplatz des mafiösen Drogenhandels. In Zielonys animiertem Film ragt die pyramidale Struktur der Siedlung wie eine Filmlocation aus der Nacht. Gänge, die die Gebäudehälften miteinander verbinden, enden vor schmiedeeisernen Toren, im Hof sind Unmengen von Elektroschrott abgestellt. Zielony folgt den Mietern in ihre Wohnungen, den Jugendlichen in das Treppenhaus. Suggeriert die verwackelte Bildästhetik eine unterschwellige, ständig präsente Bedrohung, so wirken die Bewohner vergleichsweise bürgerlich. Dass Tobias Zielony kürzlich erstmals die Rolle des Regisseurs eingenommen hat, ist da nur konsequent. 

 

Tobias Zielony.

Ursula Blickle Stiftung

Mühlweg 18, Kraichtal.

Öffnungszeiten: Mittwoch 14.00 bis 17.00 Uhr, Sonntag 14.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 29. Juni 2014

 




Ursula Blickle Stiftung