19/06/14

Wieviel mehr ist weniger?

Die Swiss Art Awards haben ein neues Reglement. Die Folgen des Relaunchs sind jetzt in der Nominierten- und Siegerschau zu begutachten

von Dietrich Roeschmann

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!Mediengruppe Bitnik, Delivery for Mr. Assange, 2013, Installationsansicht Swiss Art Awards 2014, Basel, Foto: Guadeloupe Ruiz

Die Swiss Art Awards haben ein neues Reglement. Die Folgen des Relaunchs sind jetzt in der Nominierten- und Siegerschau zu begutachten

 

In der 25er-Folge des klassischen Jubiläumskalenders sind 115 Jahre eher eine ungewöhnliche Zeitspanne. Das Schweizer Bundesamt für Kultur (BAK) nahm das halbrunde Datum jetzt dennoch zum Anlass, auf die wechselhafte Geschichte der von der Eidgenössischen Kunstkommission jurierten Swiss Art Awards (SAA) zurückzublicken – und sie nebenbei gleich neu zu erfinden.

Seit ihrer Premiere 1899 galten die Kunstpreise lange als Eidgenössisches Förderstipendium für Schweizer Kunstschaffende. 1944 wurden die Arbeiten der Nominierten und Sieger erstmals in einer gemeinsamen Gruppenschau im Kunstmuseum Bern gezeigt, die dann jährlich neu aufgelegt wurde und seit 1994 zeitgleich und in direkter Nachbarschaft zur prestigeträchtigen Art Basel stattfindet. Erste Anzeichen für eine Veränderung der Zielsetzung der SAA gab es bereits 2012, als die bis dahin geltende Altersbeschränkung für Bewerberinnen und Bewerber aufgehoben wurde. Dass nun auch Kunstschaffende über 40 ihre Dossiers einreichen durften, verschob den Fokus der Preise vom gezielten Förderinstrument für junge Künstlerinnen und Künstler hin zur allgemeineren Anerkennung der Ausgezeichneten. Das neue Corporate Design der SAA und der Launch einer eigenen Website ließ sich schon damals als Versuch lesen, das seit langem munter zwischen Überraschung und Überforderung vor sich hin wuchernde Format zu professionalisieren. 

Die jüngsten Veränderungen im Reglement der Swiss Art Awards verstärken diese Tendenz nun noch einmal deutlich. Statt der bislang 20 Preise für Kunstschaffende vergibt das BAK ab sofort nur noch zehn Auszeichnungen – acht davon an Künstlerinnen und je eine an Architektinnen und Architekten sowie Vermittlerinnen und Vermittler. Auch die Zahl der Nominierten, die für die Ausstellung juriert werden, hat sich nahezu halbiert. War in den vergangenen Jahren bis zu 80 Kunstschaffende beteiligt, sind in der aktuellen Schau nur noch 46 vertreten sowie vier Architekten. Das Preisgeld von 25.000 Franken ist geblieben – anders als bisher bekommen nun jedoch alle Ausstellenden eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 5000 Franken. 

Nadia Schneider Willen, Vorsitzende der Eidgenössischen Kunstkommission, ist überzeugt davon, dass von den neuen Regeln alle profitieren: Die Künstler, die durch das abgespeckte Ausstellungsformat künftig mehr Aufmerksamkeit bekommen würden; das Publikum, das sich weniger Namen merken müsse; die Jury, die sich länger und intensiver mit den einzelnen Arbeiten auseinandersetzen könne. Und nicht zuletzt der Schweizer Kunstpreis selbst, der durch diese Radikalkur – flankiert von einer neuen Ausstellungsarchitektur und dem offensiven Werben einer externen PR-Agentur –, als Marke gestärkt werden konnte.

Dass die Neuausrichtung der SAA nicht überall auf Zustimmung stößt, ist kaum verwunderlich. Auch wenn das BAK kaum weniger Geld in die Hand nimmt als zuvor: Mit der Reduzierung der Preise von 20 auf zehn und der Fokussierung der Ausstellung auf maximal 50 Positionen verringern sich für viele junge Kunstschaffende die Chancen, ihre Arbeit hier einer kritischen Öffentlichkeit zu präsentieren. Dem Zugewinn an Prestige und Übersichtlichkeit der Swiss Art Awards steht ihr schleichender Abschied von der Idee der Künstlerförderung gegenüber. 

Verglichen mit früheren Ausgaben der SAA zeichnet sich 2014 bei der Vergabe der Preise so nicht zufällig ein Hang zu bereits etablierten Positionen ab. Jules Spinatschs frisch gekürte Fotoarbeit „Asynchronous I-X“ etwa, die sich der Geschichte der Nukleartechnologie in der Schweiz, ihren Skandalen und gesellschaftlichen Konsequenzen widmet, wurde in Teilen bereits 2012 mit dem Greenpeace Photo Award ausgezeichnet. Seinen ersten Swiss Art Award hatte der 50-Jährige 2004 für seine Serie „Snow Management“ erhalten.

 

Auch für Kim Seob Boninsegni (*1974) ist die diesjährige Auszeichnung des BAK keineswegs eine Premiere. Nachdem der Genfer vor drei Jahren für eine umfangreiche Serie von Zeichnungen bereits einen Swiss Art Award bekommen hatte, sprach ihm die Jury nun erneut den Preis zu. Seine jetzt in Basel zu sehende Installation aus Teppich, Text und Tütchenproben kreist um das kaolinhaltige Gestein „White Dirt“, das bei manchen Naturvölkern zu rituellen Zwecken gegessen wird und für Boninsegni zugleich den Ausgangspunkt einer eigenwilligen, selbstgebastelten Mythologie des aktuellen Kunstsystems bildet.  

 

Längst überfällig hingegen war der Swiss Art Award für die Zürcher !Mediengruppe Bitnik um Domagoj Smoljo (*1979) und Carmen Weisskopf (*1976). Seit langem bewegt sich das Kollektiv im Grenzgebiet zwischen Kunstbetrieb und Hackerszene. Berühmt wurde die Gruppe 2007 mit ihrer heimlichen Verwanzung der Zürcher Oper. Als der Vorhang aufging, riefen sie damals willkürlich Menschen an und leiteten sie per Telefon zur Live-Übertragung weiter. Die Aktion „Opera Calling“ mündete im Eklat und löste eine handfeste Diskussion über die Legitimität öffentlicher Subventionen für die Elitenkultur aus. Den Swiss Art Award erhielt die Gruppe nun für ihre brisante Arbeit „Delivery for Mr. Assange“, die sie 2013 in Echtzeit im Internet aufführte. Die nun ausgezeichnete Videoinstallation erzählt in geraffter Version die rund 35-stündige Versandgeschichte eines mit Kamera und Mikro versehenen Paketes, das die Gruppe an den Wikileaks-Gründer Julian Assange in sein Exil in der ecuadorianischen Botschaft in London schickte.

Ebenfalls einem breiteren Publikum dürfte mittlerweile auch die Westschweizer Künstlerinnen Emilie Ding (*1981), Vanessa Billy (*1978) und Claudia Comte (*1983) sein. Letztere hatte in den vergangenen zwölf Monaten gut ein Dutzend viel beachteter Einzelausstellungen, unter anderem in Biel, Brüssel, London und Glasgow. Die Rauminstallation „Sharp Sharp“, die Comte im Frühjahr dort in der David Dale Gallery zeigte, liefert nun auch die Grundelemente für ihren Auftritt an den Swiss Art Awards. Vor einer Wandmalerei mit Farbverläufen im Op-Art-Look präsentiert die Lausanner Künstlerin weich geschliffene Holzskulpturen, in denen sich das Formenvokabular der Klassischen Moderne mit der des Disney-Comics der Sechziger bricht. Entstanden sind diese Arp- und Brancusi-Bunnys mit der Kettensäge – wie übrigens auch die gitterartigen, mit dem Flammenwerfer geschwärzten Ausstellungsdisplays, auf denen sie thronen.

Auch Emilie Ding probt mit ihrer Arbeit den Spagat zwischen Potenz und Poesie, und das gerne in direkter Konfrontation. Ihre Installation „The Very Tone Of Things To Come“, für die sie drei übermannshohe, mit weißem Zement und schwarzen Zeichen bestrichene Holzpanelle so an die Wand gelehnt hat, dass der Betrachter sich an ihnen vorbeizwängen muss, um sie sehen zu können, spielt geschickt mit Aspekten der Raumerfahrung in Architektur, Skulptur und Malerei. Vanessa Billy hingegen zeigt in ihrer folienverspiegelten Koje an den Swiss Art Awards ein Setting von Arbeiten, die den gesellschaftlichen und industriellen Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen reflektieren. Die rätselhafte Poesie ihrer Arbeiten – ein Haufen mit Leim übergossener Knopfbatterien, ein als Kronleuchter von der Decke hängender Felsbrocken oder Schinkenscheiben in Form von PVC-Stickern – waren der Jury einen Preis wert.

Der jüngste Preisträger in diesem Jahr ist der 26-jährige Basler Emanuel Rossetti. Auch er ist längst kein Unbekannter mehr: 2008 hatte Rossetti zusammen mit Daniel Baumann, Tobias Madison und Dan Solbach den international vernetzten Basler Offspace New Jerseyy gegründet, war mit seinen computergenerierten Bildern an mehreren Gruppenschauen beteiligt und eröffnet im August seine erste Soloschau in der Kunsthalle Bern. Für die Swiss Art Awards bewarb er sich mit einer installativen Arbeit über Strategien der Dissidenz im Kunstsystem. Dafür platzierte er in Bodennähe hinter mit Stoff bezogenen Keilrahmen eine Reihe von Türklingeln, die nun in unregelmäßigen Abständen durch die Halle schrillen. Folgt man den Alarmglocken – einer Hommage an die 2005 verstorbene japanische Gutai-Künstlerin Atsuko Tanaka – steht man vor einer leeren Wand, über der wie bei den Galerien auf der benachbarten Kunstmesse ein Schild prangt. Statt des Galerienamens, der dort in der Regel steht, hat Rossetti hier jedoch einen Text der Künstlerin Georgia Sagri in das Messe-Leitsystem geschmuggelt, die erst kürzlich in der Kunsthalle Basel mit ihrer komplexen, herrschaftskritischen Schau "Mona Lisa Effect" auf sich aufmerksam machte.

Überraschend harmlos dagegen kommen die Bilder des in Leipzig lebenden Aargauers Andreas Hochhuli (*1982) daher, der es diesmal als einziger Maler in die Runde der Preisträger schaffte. Sichtlich inspiriert von den Farbökonomien des Grafikdesigns und der rudimentären Formensprache einfacher Gestaltungsprogramme wirkt seine Strategie, digitale Formen des Samplens, Kompilierens und Überlagerns auf das analoge Medium der Malerei zu übertragen, wenig überzeugend. Fast könnte man meinen, die Jury habe aus der Not gehandelt, da sie die Malerei in dieser Ausgabe der Swiss Art Awards ansonsten ganz hätte unter den Tisch fallen lassen müssen: Zwischen den zahlreichen dreidimensionalen Arbeiten und Videos, die es in die letzte Runde geschafft haben, spielt sie jedenfalls kaum eine Rolle.

Parallel zu den Nominierten und Siegern der diesjährigen Swiss Art Awards sind im Untergeschoss der Messehalle 4 wie in jedem Jahr auch die Arbeiten der aktuellen Träger des Kiefer Hablitzel Preises zu sehen. Auch hier gab es eine Neuerung: Erstmals war keine Doppelbewerbung möglich. Wer an der Auswahl des für Kunstschaffende bis 30 ausgelobten Förderpreises teilnehmen wollte, konnte sich nicht gleichzeitig für die Swiss Art Awards bewerben. Entsprechend wurde die Ausstellung der Kiefer Hablitzel-Preisträger nun auch räumlich vom Rest der SAA-Schau getrennt, was erstmals einen angenehm fokussierten Blick auf die Auswahl erlaubt. Die Auszeichnungen gingen in diesem Jahr an Selina Baumann (*1988), Jeremias Bucher (*1984), Adrien Chevalley (*1987), Daniel Keller (*1987), Matthias Liechti (*1988), Florian Lüthi (*1988), Thomas Moor (*1988), Bianca Ott (*1984), Darren Roshier (*1990) und Marco Scorti (*1987).

 

Swiss Art Awards 2014

Messe Basel, Halle 4, Untergeschoss.

Täglilch 10.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 22. Juni 2014.

 





Bundesamt Kultur