19/06/14

Katja Novitskova

Die Bildhauerin Katja Novitskova erkundet die Materialität der Datenströme

von Dietrich Roeschmann

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Katja Novitskova, Ausstellungsansicht „Open Studios“ in der Rijksakademie für Bildende Künste, Amsterdam, 2013: Branching (l.), Approximation (m.), Accelerated Growth Potential (r.), Growth Potentials (Wand), Courtesy the artist 

Die Bildhauerin Katja Novitskova erkundet die Materialität der Datenströme

Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Flut der Bilder aus dem virtuellen Raum in die Realität zurückschwappen würde. Lange löste diese Vorstellung unschöne Horrorvisionen aus, eindringlich verkörpert etwa von Samara, dem Racheengel, der in Gore Verbinskis Gruselschocker „The Ring“ aus dem Fernseher stieg und nichts Gutes im Sinn hatte. Doch die Zeiten sind vorbei, als Wiedergänger noch Vergeltung wollten. In den Ausstellungssettings der 1984 in Tallinn geborenen Katja Novitskova tummeln sie sich in friedlicher Absicht: Rehe, Pinguine, Flamingos oder Papgeien – als jpegs via Google Bildersuche aufgestöbert, heruntergeladen, auf Alu gedruckt und ausgeschnitten– stehen hier zwischen lebhaft geschwungenen Ertragskurven aus knallrotem Acrylglas, die mit optimis­tisch in die Höhe strebenden Pfeilspitzen wie Pilze aus dem Boden schießen. Diese Nachbarschaft von Tierfotos und Wirtschaftsstatistiken ist durchaus plausibel: Sie gehören – neben pornografischen Images – zu den meist verbreiteten Bildern im World Wide Web. Die handwerkliche Rückverwandlung der Daten in Dinge, die Novitskova betreibt, verleiht ihren Mutanten aus dem Netz etwas seltsam Skurriles. Mit der Schwerkraft der Objektwelt konfrontiert, sind sie auf Stützen angewiesen, ohne die sie einfach umkippen würden. Ein paar Fliegen, im Acrylglas der 3-D-Vektorgrafiken eingeschlossen, haben die Reise aus der realen in die virtuelle und zurück in die Dingwelt nicht überlebt. Wie prähistorische Organismen in Bernstein erzählen sie von einer Zeit, in der die Unterteilung der Welt in Online und Offline noch ganze Scharen von Netzkünstlern beflügelte. Für Novitskova ist diese Ordnung längst passé. Was sie interessiert, ist die Materialität der Medien und Datenströme und ihre aktive Rolle bei der Definition der Welt, die wir als Wirklichkeit wahrnehmen.              

Katja Novitskova bei Kraupa-Tuskany Zeidler (Berlin),

Art Basel (Art Statements), Halle 2.1., Stand S9, Messe Basel.

Öffnungszeiten: Donnerstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.

19. bis 22. Juni 2014.