14/06/14

Thomas Moor

Der Zürcher Künstler und diesjährige Träger des Kunstpreises der Nationale Suisse sucht mit seinen Arbeiten die Öffnung im Betrieb

von Annette Hoffmann
Thumbnail

 moorrondinone.jpg

Thomas Moor,  Touching Tangibles Aktionsreihe,  22. Aktion („The Fortunate“; Ugo Rondinone; Galerie Eva Presenhuber), 2013

Der Zürcher Künstler und diesjährige Träger des Kunstpreises der Nationale Suisse Thomas Moor sucht mit seinen Arbeiten die Öffnung im Betrieb

An der Mauer lehnt eine Leinwand, die das Porträt des Künstlers als sehr jungen Mann zeigt. In der rechten Hand das Rotweinglas, der Blick ist sinnend nach unten gerichtet und der Arm voller Farbe. Thomas Moor lacht. „Das ist so doof“, sagt er und erzählt, dass er sich die Farbe von einem Kollegen leihen musste. Für den Arm, nicht etwa für das Bild. Denn das wurde nach einem Foto in einer chinesischen Kopierwerkstatt angefertigt. Als er in Kontakt zu seinem Auftragsmaler treten wollte, beschied man ihm, ein Mister Wang hätte das Bild gemalt und stände für weitere Dienstleistungen zur Verfügung. Sämtliche Bemühungen, ein Treffen zu arrangieren, liefen ins Leere. Aber als Thomas Moor gleich eine ganze Reihe von Bestellungen nach China schickte, wurden diese ebenso prompt ausgeführt. Mister Wang muss eine sehr effiziente Persönlichkeit sein. Demnächst wird seine Arbeit in der Ausstellung „Ich. Du. Die Anderen – Künstler porträtieren“ im Kunstmuseum Olten gezeigt werden.

Erst vor kurzem hat Thomas Moor mit sechs Kollegen eine Etage auf einem Werkhof im Zürcher Stadtteil Altstetten bezogen. Sein Atelier macht von allen den eingerichtetsten Eindruck, tatsächlich hat er mit seinen Beteiligungen auf der Liste und den Swiss Art Awards gerade gut zu tun. Thomas Moor (*1988), der diesjähriger Nationale Suisse-Preisträger, ist jemand, der Öffnungen im Betrieb sucht und überhaupt gerne mit anderen in Kontakt tritt. Seine Abschlussarbeit an der Zürcher Hochschule der Künste „Touching Tangibles“ begann mit Mails an die info-Adressen verschiedener Museen. Meist mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Sackgasse. Doch seine Anfragen wurden weitergeleitet – aber, was denken Kunstinstitutionen, wenn sich einer anmeldet, um Kunstwerke zu berühren? Ein Scherz, ein Esoteriker wie diese Baum-Umarmer?

Über 20 Begegnungen kamen zustande, für die Moor in einem weißen Ganzkörperanzug aus Baumwolle antrat, der die Aufgaben eines Museumshandschuhs geradezu übererfüllte. Im Kunstmuseum Basel kroch er in Danh Vos Arbeit „We the people“, auch die Skulptur „Rance Club IV“ von Valentin Carron im Migros Museum für Gegenwartskunst, deren mehr als mannshohe Mauern eine wirkliche Herausforderung darstellten. Einerseits interessiert sich Thomas Moor für die „physikalische Vertretung des Werkes“ im Material, wie er sagt, andererseits wird er auch zu unserem Stellvertreter in einem Kunstbetrieb, der an übergriffigen Umarmungen reich ist, dessen Verhältnis zum Kunstwerk aber von versicherungstechnischen Fragen geleitet wird. Und natürlich erzeugte seine Serie „Touching Tangibles“ auch Bilder zwischen freiwilliger Komik und Fürsorge. Demnächst wird man sie in einer Werbekampagne der Nationale Suisse sehen können. Thomas Moor greift Mechanismen der Aneignung auf, mitunter erzeugt er sie sogar. Für eine neue Werkgruppe fotografiert er derzeit Kataloge von Firmensammlungen ab. Seine Aufnahmen zeigen, wie sehr die einzelne Arbeit Teil der Architektur und der Corporate Identity geworden ist.

„Es geht mir um die Produktfindung im repräsentativen Kontext“, so Thomas Moor. Wenn chinesische Kopierwerkstätten Fabriken von fließbandartiger Reproduktion sind, so sind für Thomas Moor Museen Fabriken der Repräsentation. „Ich möchte, dass Strukturen zur Sprache kommen und zeigen, wer für wen arbeitet, wo die Produktion hinführt und wo sie von der Institution aufgegriffen wird“, sagt Thomas Moor. Kein Wunder, dass ihn seine Arbeiten immer wieder ins Museum führen. Um Farbscans der Wandfarbe abzunehmen, und daraus monochrome Arbeiten zu schaffen oder um mit – im Museumsbetrieb längst ausrangierten – Thermohygrographen die Klimaverhältnisse in den Ausstellungsräumen zu dokumentieren und diese zu automatischen Zeichnungen in Land-Art-Ästhetik zu machen. Dass man den Aufwand, den er während der Recherchephase betreibt, kaum sieht und dass dieser listig durch Naivität getarnt ist, gehört für Thomas Moor zur Arbeit. Vermutlich ist diese Kluft zwischen Zeigen und den Vorstellungen der Betrachter über das Zustandekommen des Werkes, nicht einmal sein kleinster Teil.      

Thomas Moor, Träger des Prix Nationale Suisse 2014, Vernissage: 16. Juni 2014, 17.00 bis 21.00 Uhr

Soloshow an der Liste 19 – Art Fair Basel

Warteck PP, Burgweg 15, Basel.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 13.00 bis 21.00 Uhr, Sonntag 13.00 bis 18.00 UHr.

Bis 22. Juni 2014.

Swiss Art Awards 2014, Vernissage: 16. Juni 2014, 18.00 Uhr

Messe Basel, Halle 4, Basel.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 10.00 bis 20.00 Uhr, Sonntag 10.00 bis 19.00 UHr.

Bis 22. Juni 2014.

 

 

 

 





Thomas Moor
Nationale Suisse Kunstpreis