11/06/14

Leo Hofmann

In seinen Werken erkundet der Schweizer Künstler den Körper des Komponisten

von Joachim Schneider
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Leo Hofmann, Flugschreiber - eine Choreografie für Tastatur, 2013

In seinen Werken erkundet der Schweizer Künstler den Körper des Komponisten

Es gibt Stücke, in denen tritt Leo Hofmann selber auf. Darin bewegt sich ein junger Mann in dunklem T-Shirt und schwarzen Hosen. Er macht keine Miene zum Spiel, sondern Gesten und Gebärden folgen seltsam ungewohnt Tönen und Geräuschen: Es ist nicht ganz klar, ob diese Bewegungen Ergebnis der Klänge sind oder die Klänge wiederum die Bewegungen selbst beeinflussen und steuern. Oder beides.

Töne, Geräusche, Worte, Silben, Rauschen, Summen. Alles ist in Bewegung. Doch nicht wild und chaotisch, sondern strukturiert und ruhig, denkt man, für einen Moment. Sinn entsteht und verflüchtigt sich wieder. Nicht fassbar, nicht eindeutig. „Musikalische Choreografien“ nennt Hofmann solche Stücke. Bewegung aus den Klängen.

Einige dieser Arbeiten sind auf der Homepage von Leo Hofmann als Videos zu sehen. In A. wie Albertine 2012, Abb. 1 sieht man den Akteur als erstes einen Socken stopfen. Nein – nicht wirklich, es sieht nur so aus: Eine Geste visualisiert das Handlungsmuster, die Utensilien sind vorhanden. Fast hätte man es vergessen. Es ist auch der Komponist, der auf der Bühne steht und etwas tut: Löcher stopft, Stoff zusammen näht. Zu Sound-Schnipseln aus dem Off. Später wird sich der Akteur die Socke anziehen.

Leo Hofmann hat seinen Abschluss in „Contemporary Arts Practice” gemacht und sieht sich als Komponist, Performer und Klangkünstler. Eine aktuelle Fragestellung in der zeitgenössischen Aufführungspraxis ist die nach der Autorenschaft. Wie verhält sich der Komponist zu seinem Werk? Wie kann er den Verlust der Authentizität bei digital generierter Musik wettmachen? A. wie Albertine nach Texten von Marcel Proust hat eindrückliche und lustige Antworten parat. Das Stück Sprungfeder 2013 hingegen handelt vom Versagen der Stimme, von Blockaden und Spannungen im Körper, die sich sprachlich manifestieren. Dort ist Hofmanns Stimme auch ganz real zu hören.

Embodiment heißt das Stichwort in den Kognitionswissenschaften, Bewusstsein benötigt einen Körper. Diese These geht davon aus, dass sich Körperzustände und psychische Zustände gegenseitig beeinflussen. Während ältere sensorische Modelle von linearen Reizen ausgehen, steht Embodiment für die Wechselwirkung zwischen Körper und Psyche. Kaum auszurechnen wie viele Faktoren bei einem Sprechakt wirken können.

Auch in der Musik ist Embodiment ein Forschungsthema. In der musikalischen Tradition fungiert das Instrument als Verlängerung des Körpers. Was für den DJ und seine Plattenspieler noch zutrifft, ist bei computergenerierter, digitaler Musik eine Leerstelle, die zur künstlerischen Auseinandersetzung geradezu einlädt.

Einerseits steht also Leo Hofmann als Komponist auf der Bühne, andererseits findet aber auch eine Reduktion statt auf einen Körper, der einen Teil eines interaktiven Prozesses ausmacht. Was im Stück spannend und ästhetisch reizvoll daherkommt, offenbart eine wissenschaftliche, philosophische Dimension. Es lässt sich nicht vermeiden, denn wie soll es anders funktionieren: Wir brauchen den Körper – zum Hören, zum Reden, zum Denken.

Für diese Form des „inszenierten Konzertes“ hat Leo Hofmann ein Stipendium der Hochschule für Bildende Kunst in Braunschweig bekommen, ebenso mit eingeschlossen das Projekt wind.attach 2012, Abb. 5. Ein Sys­tem, bei dem durch die Modifikation eines Kopfhörers Luft in die Hör­muschel gepumpt werden kann. Dieses Hauchen ist akustisch kaum wahrnehmbar, aber das Ohr spürt einen Luftstrom. Prompt wird die Taktilität des Hörens gelenkt und damit auch die Komposition verändert. Mit dem Öffnen des abgeschlossenen Klangraumes kann die Wahrnehmung von außen beeinflusst werden: Zum einen als Verstärkung der Immersion, der Wirkung eines abgeriegelten Klangraumes, zum anderen aber kann auch eine Verbindung nach außen realisiert werden. Beides ist möglich. Die Dualität innen und außen besteht nicht mehr.

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Leo Hofmann, wind.attach, 2012

Leo Hofmann, 1986 in Zürich geboren und aufgewachsen, hat an der Hochschule der Künste in Bern studiert. Im vergangenen Jahr erhielt er den vom ZKM Karlsruhe verliehenen Giga-Hertz Förderpreis 2013. Für sein jüngstes Stück Flugschreiber – Choreografie für Tastatur 2013, Abb. 4 wurde er nun mit dem trinationalen MedienKunstpreis Oberrhein 2014 ausgezeichnet. Das Stück verbindet vorhergehende Arbeiten miteinander. Als Grundlage dient seine im Rahmen einer Masterclass mit dem Komponisten Helmut Oehring entstandene Arbeit Sticht es oder pocht es? 2012. Das kleine Hörspiel nach Motiven von Baudelaire und Heine wirkt wie ein Dialog zwischen Arzt und Patient. Die Frage nach den Symptomen entpuppt sich als eine Frage nach der Wahrnehmung, überhaupt nach Erkenntnis: Wie kann ich etwas ganz Individuelles, Körperliches und womöglich sogar Dynamisches in eine objektive, starre Form wie Sprache gießen? Die Frage lässt sich nicht leicht beantworten, zumal das Symptom auch mal durch Abwesenheit glänzt. „Sticht es oder pocht es?“ – Hofmann hat dieses Ringen nach Versprachlichung musikalisch-textlich und damit akustisch hörbar umgesetzt. Nicht ohne Humor scheinen sich Gedanken, Worte, Nervenbahnen und (Sprach-)Motorik kurzzuschließen, es pocht und sticht. Es will nicht so richtig klappen, innere Vorgänge zu beschreiben.

Bei der Re-Inszenierung des Stückes bringt Hofmann nun ein neues Medium zum Einsatz: die Tastatur. Vorgeblich bildet sie ein definiertes System, doch für das Stück hat er die Tasten programmiert, anders belegt. Choreografie für Tastatur heißt der Flugschreiber im Untertitel, Bewegungen sind in die Tastatur eingeschrieben, die wiederum das ursprüngliche Hörstück manipulieren. Natürlich sind es Hände, die die Choreografie zum Leben erwecken. Sie führen einen faszinierenden Tanz auf, inszenieren wie ein Erkenntnistier eine Jagd nach des Rätsels Lösung: Pocht es, oder sticht es? Es kribbelt beim Zusehen. Erstaunlich. Es sind die Hände des Komponisten.

 

Leo Hofmann: MedienKunstpreis Oberrhein 2014,

E-Werk

Eschholzstr. 77, Freiburg.

Bis 29. Juni 2014




Leo Hofmann