13/06/14

Aus der Vogelsperspektive

Eine Ausstellung im Karlsruher ZKM über die Allianz von Technik, Wissenschaft und Kunst

von Johannes Halder

mappingsnayers.jpgmappingsnayers.jpg

Pieter Snayers, Die Belagerung von Gravelines vom 11. April bis 17. Mai 1652, um 1653, Courtesy of Museo Nacional de Prado, Madrid

Eine Ausstellung im Karlsruher ZKM über die Allianz von Technik, Wissenschaft und Kunst

Es ist, als habe der Maler sein Zielgebiet mit einem Flugzeug überflogen. Aus der Vogelperspektive hat David Teniers d. J. 1656 eine Ansicht der belagerten belgischen Stadt Valenciennes gemalt, einen präzisen Plan der Gebäude, Straßenzüge, Festungsmauern und Gewässer, auch die gewaltigen Truppenaufmärsche im umgebenden Gelände – eine Landschaft aus der Sicht des Militärs. Zu sehen ist sie derzeit in der Schau „Mapping Spaces“ im ZKM Karlsruhe, die einen aktuellen Blick auf die Landschaftsmalerei des 17. Jahrhunderts wirft und ihre Werke als Netzwerke des Wissens untersucht. Tatsächlich, sagt Ulrike Gehring, Kuratorin der Schau, entwarfen Künstler damals mit Hilfe von Fachleuten und deren Messgeräten so etwas wie moderne Fernerkundungssysteme. „Was neu war, war die Bedeutung der Geografen, die das vermessene Land aufzeichneten und deren maßstäbliche Zeichnungen dann zur Grundlage von Gemälden wurden.“ Pieter Snayers (1592–1667) etwa malte im Dienste des Brüsseler Königshofes präzise Panoramen, indem er Landschaftsbilder und Karten übereinander projizierte, um die neuesten Errungenschaften militärischer Vermessungstechnik, Ballistik und des Festungsbaus zu dokumentieren. Wie ein Feldherr steht der Betrachter im Vordergrund auf einem Hügel und blickt hinunter aufs Gelände bis zum fernen Horizont – ein Blick wie aus einem Aufklärungssatelliten. Diese Kriegslandschaften dienten nicht strategischen Zwecken, sondern der Dokumentation militärischer Taktiken und Erfolge, an denen sich Herrscher und Heerführer ergötzten – Propagandabilder also.

Die grandios bestückte Schau zeigt neben rund 220 Gemälden und Zeichnungen auch historische Messinstrumente, Lehrbücher, Globen und Karten, darunter der berühmte Klencke-Atlas, mit seinen fast zwei Meter großen Blättern der größte der Welt und eine Augenweide. Auch zivile Landschaftsmaler wie Jacob Ruisdael (1628–1682) machten sich die Entdeckung der Ferne zunutze. Stimmungsvolle Überblicke aus der Vogelperspektive kamen in Mode, und auch die leichte Krümmung des Horizonts, mit der die Maler demonstrierten, dass sie wissenschaftlich auf der Höhe der Zeit waren. Beliebte Motive waren zudem Seeschlachten oder der Blick vom Meer auf fremde Länder – die Niederlande waren schließlich eine See- und Kolonialmacht. „Es waren Wissenschaftsteams, die man den Seefahrern zur Seite stellte, die auf den Schiffen dann das neue Land kartierten und diese Karten zurückbrachten nach Holland, wo sie von Künstlern gestaltet werden.“ Darüber hinaus krempelte die Vermessung der Welt auch die Raumwahrnehmung der Reisenden um. Findige Kartografen entwickelten nach dem Vorbild militärischer Marschpläne regelrechte Routenplaner mit Tagesetappen, die auf Papierrollen festgehalten wurden. So viel alte Kunst hat man im ZKM noch nie gesehen, doch für Museumschef Andreas Beitin liegen die aktuellen Bezüge auf der Hand. „Unsere heutige Welt ist durchdrungen von technischen Dingen, die aus dem militärischen Bereich kommen. Aber auch damals gab es – gerade unter dem Aspekt des Militärischen – schon eine enge Zusammenarbeit zwischen Landvermessern, Kartografen und Künstlern.“

Zeitgenössische Kunstschaffende kommentieren diese Allianz von Technik, Wissenschaft und Kunst naturgemäß kritisch. Sie thematisieren, wie man hier sieht, Phänomene wie Drohnen, Google Maps und Street View, und sie tun dies, indem sie sich der technischen Mittel solcher Überwachungs- und Ortungssysteme bedienen. Gleich zu Beginn der Schau etwa geraten wir in einen interaktiven Raum, auf dessen Wände ein Netzwerk kartografischer Linien projiziert ist. Doch auf die Koordinaten ist kein Verlass, sie geben keinen Halt. Mit jeder Bewegung der Betrachter verändert sich deren Konstellation – bis man plötzlich merkt: die Sicherheit im Raum ist nichts als reine Illusion.    

Mapping Spaces. Netzwerke des Wissens in der Landschaftsmalerei des 17. Jahrhunderts.

ZKM

Lorenzstr. 19, Karlsruhe.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 13. Juli 2014.





ZKM