12/06/14

Nostalgie und Lichtsturm

Im Museum Biedermann inszeniert man den Genius loci des einstigen Kinos

von Dietrich Roeschmann
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Pizzi Cannella, Salon de Musique, 2005-6, © Künstler & Magit Biedermann Fondation

Im Museum Biedermann inszeniert man den Genius loci des einstigen Kinos

Der klassizistische Bau des Museums Biedermann liegt idyllisch am Ufer der Brigach. Weiden tauchen ihre Zweige ins klare Wasser, im Donaueschinger Schlosspark gegenüber zwitschern die Vögel, und wenn die Sonne scheint, tanzen Lichtflecken auf der Zufahrt zu dem Haus, das seit 1937 jahrzehntelang das einzige Kino am Ort beherbergte. Nachdem es 2006 mangels Nachfrage schließen musste, wurde es von der Kunstsammlerin Margit Biedermann erworben und zum Museum umgebaut. Kleine Details erinnern noch heute an diese Geschichte: Neben der Kasse etwa steht in handgemalten Lettern „Aufgang Loge“ an der Wand. Folgt man dem Hinweis, betritt man den früheren Kinosaal. Die Lichter sind gedimmt, die Wände bedeckt von großformatigen Gemälden des Italieners Piero Pizzi Cannella (*1955): Schwach wie eine vage Erinnerung heben sich aus den tiefschwarzen Bildgründen die Schemen venezianischer Kronleuchter ab. Die nostalgische Atmosphäre dieses Zyklus passt gut zum Titel der Schau – „Lichtspiele“. Naheliegend, darin eine Reminiszenz an die längst verblichene Epoche des Zelluloid-Kinos zu lesen. Doch es geht hier eher um künstlerische Inszenierungen des Lichts selbst. Ein gutes Beispiel dafür ist die Installation „Lichtspeicher“, die Annette Sauermann (*1957) im Anbau des Museums zeigt. Kreuzweise hat sie dafür lange Papierbahnen zwischen vier aus Betonplatten ge­schichtete Säulen gespannt – mit schönem Effekt: Die Lamellenstruktur saugt das von der Decke eindringende Tageslicht nahezu vollständig auf, um es dann als diffuses, aber intensives Strahlen wieder in den Raum abzugeben. Einen regelrechten Lichtsturm dagegen entfacht der Südafrikaner Wim Botha  (*1974) im Obergeschoss mit einer schwebenden Installation aus Holzlatten, weißen Neonröhren und in Styropor geschnitzten Flügelfragmenten. Die raumgreifende Arbeit, die wie eine gleißende Reinszenierung der Ikarus-Sage mit den Mitteln des Baumarkts wirkt, steht in krassem Kontrast zu den verkohlten Balken, aus denen die junge Russin Nika Neelova (*1987) nebenan ein Licht schluckendes Endzeitszenario mit Schiffswrack und abgestürztem Kronleuchter arrangiert hat. Es ist eine filmreife Kulisse, düster und clean – und Lichtjahre entfernt von der radikalen Abstraktion François Morellets (*1926), dessen Arbeit „Negatif n°15“ so etwas wie das Gravitationszentrum dieser Schau bildet: Ein schwarzes Quadrat, gerahmt von einem weißen Neonquadrat. Als „Empfindung der Gegenstandslosigkeit“ hatte Malewitsch sein be­rühmtes „Viereck“ 1915 beschrieben. Morellet übernimmt: Er illuminiert und überblendet die Gegenstandlosigkeit der Malerei mit der des Lichts.  

Lichtspiele

Museum Biedermann

Museumsweg 1, Donaueschingen.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 2. November 2014.


 




Museum Biedermann