12/06/14

Fortsetzung der Sprache

Das Museum für Gegenwartskunst Basel zeigt eine kleine, aber konzise Ausstellung mit Werken von Marcel Broodthaers

von Yvonne Ziegler
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Marcel Broodthaers, Cinéma Modèle,1970, © Estate Marcel Broodthaers / 2013 Pro Litteris, Zurich: Broodthaers

Das Museum für Gegenwartskunst Basel zeigt eine kleine, aber konzise Ausstellung mit Werken von Marcel Broodthaers

Dass der Dichter Marcel Broodthaers (1924-1976) erst mit Anfang vierzig zur bildenden Kunst gelangte, kann als Glücksfall betrachtet werden. Sein luzider Blick auf Sprache und Bedeutung ließen ihn Kunst auf unkonventionelle Weise gestalten. Die Reflexion künstlerischer Medien anhand von Film, Ideen, Drucken und Objekten sowie des Kunstkontextes – etwa in Fragen des Künstlerdaseins oder Ausstellens – ziehen sich als roter Faden durch sein Œuvre, das bei aller Ernsthaftigkeit immer mit einem Schuss Humor versehen ist. Im Museum für Gegenwartskunst Basel zeigt so ein tonloser Kurzfilm den Künstler mit Tinte schreibend im Freien. Trotz stoischer Haltung scheitert er zunehmend, da die Tinte aufgrund eines Regengusses verläuft. Das ist so simpel wie absurd und eindrücklich. Immerhin brachte sein Schreibversuch ein Aquarell und einen Film hervor. Verständlich, dass Broodthaers Film als „Fortsetzung der Sprache“ verstand.

 

Titel gebend für die Basler Schau ist der Film „Le Corbeau et le Renard“ (1967). Hierfür filmte er sein Gedicht „Le D est plus grand que le T“, eine Kurzfassung der Fabel „Der Rabe und der Fuchs“ sowie Gegenstände wie Glasflaschen oder Fotos, legte sie filmisch übereinander und projizierte sie auf einen beschriebenen Kartonkasten. Der nahezu unlesbare Filmtext wird zum bewegten Bilderfluss, die Erwartungshaltung gebrochen. Nicht die Erzählung, sondern die Verunmöglichung ihrer Lesbarkeit wird Thema. Unter Palmen auf Gartenstühlen sitzend gilt es, großformatige Drucke von Affen, Kamelen und Elefanten sowie einen Film zu betrachten, der eine 1974 inszenierte Ausstellungssituation im Brüsseler Palais des Beaux Arts zeigt. Im verdoppelten Interieur erklingen klassische Musiksamples. Und die Frage steht im Raum, inwiefern Kunstwerke nicht vergleichbaren institutionellen Verfahrensweisen, Klassifizierungen und Distributionslogiken unterliegen wie exotische Tiere.

Broodthaers Arbeiten werden in Basel durch Werke ähnlich denkender Künstler sinnvoll gerahmt. Hans Arp, Alighiero Boetti und Robert Barry etwa gestalteten Arbeiten, die – wie Brood­thaers’ von René Magritte inspirierten „industriellen Gedichte“ – Komma-Zeichen im Bild aufweisen; und von John Smith ist eine assoziative Film-Bild-Sprach-Collage zu sehen, die Broodthaers’ Rebus-Diaprojektionen vergleichbar ist. Wie wichtig unkonventionelle Denker und Grenzverschieber für die Entfaltung der bildenden Kunst sind, wird anhand dieser konzisen kleinen Ausstellung des belgischen Künstler-Poeten anschaulich.    

        
Marcel Broodthaers

Museum für Gegenwartskunst

St. Alban-Rheinweg, 60, Basel.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 17. August 2014.


 




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