12/06/14

Holzköpfe im zärtlichen Clinch

Das Kunstmuseum Ravensburg zeigt mit Stephan Balkenhol einen der bekanntesten, aber auch umstrittenen Bildhauer Deutschlands

von Florian Weiland
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Stephan Balkenhol, Großer Kopf mit Figur, 2010, Courtesy: Mai 36 Galerie, Zürich, Foto: Samuel Mizrachi

Das Kunstmuseum Ravensburg zeigt mit Stephan Balkenhol einen der bekanntesten, aber auch umstrittenen Bildhauer Deutschlands

Zwei Männer, die miteinander ringen. Doch stopp! Stehen sie einander wirklich feindlich gegenüber? Erinnert ihr Kampf nicht eher an einen Tanz? Ein riesiger Holzschnitt greift das Thema der Skulptur wieder auf. Erneut sehen wir zwei ringende Männer. Der eine hat den anderen zu Boden geworfen und diesmal ist die Doppeldeutigkeit noch weitaus stärker. Man meint, ein sich zärtlich umarmendes Liebespaar vor sich zu haben. „Meine Skulpturen“, sagt Stephan Balkenhol, „machen „Angebote zu Geschichten, ohne diese zu Ende zu erzählen.“ Aber es sei nicht seine Aufgabe, dieses Geheimnis zu enthüllen, sondern die des Betrachters, es zu entdecken. Der indifferente, leer wirkende Gesichtsausdruck seiner Figuren lässt viele Möglichkeiten der Interpretation. Balkenhols Figuren geben nichts von sich preis. Scheinbar emotionslos blicken sie ins Leere, ohne Ausdruck in iihren Gesichtern. Die Skulpturen sind seltsam distanziert und bleiben immer etwas rätselhaft – und gerade das macht ihren Reiz aus. In der gewollten Einfachheit liegt Balkenhols Erfolgsrezept, seine Kritiker werfen ihm daher Harmlosigkeit vor. Seine überaus gelassen, ja gleichgültig wirkenden Figuren trotzen der Hektik der Zeit.

Stephan Balkenhol gehört zu den populärsten Bildhauern Deutschlands. Der Künstler, der 1957 im hessischen Fritzlar geboren wurde und als Professor an der Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe lehrt, hat eine Vielzahl von Kunstwerken für den öffentlichen Raum geschaffen. Einige davon lösten heftige Diskussionen aus, allen voran eine Skulptur, die, aufgestellt auf dem Turm der St. Elisabeth-Kirche in Kassel, den Unmut der documenta-Verantwortlichen erregte. Dem Museum gelingt es, einen guten Überblick über Balkenhols Werk zu geben. Neben Skulpturen sind auch Zeichnungen zu sehen und Holzschnitte, bei denen es sich um Blätter handelt, die für die Seiten zweier Kalender entstanden sind.

Im Mittelpunkt stehen freilich auch in Ravensburg die Skulpturen. Die auf einen platonischen Mythos anspielenden „Kugelmenschen“ oder das kleine Figurensäulenpaar „Mann und Frau“ gehören dazu. Es wird direkt neben einer frühen Arbeit Balkenhols platziert, so dass sich eine ganz neue Deutung ergibt. Die Frau, in das Weiß einer Braut gekleidet, wendet sich von ihrem Mann ab und schaut nun auf ein Skelett. Ein Memento Mori à la Balkenhol. Sein bevorzugtes Arbeitsmaterial ist Holz. In den letzten Jahren sind zwar auch einige Großplastiken aus Bronze entstanden, doch farbig gefasste, schroffe Holzskulpturen sind und bleiben sein Markenzeichen. Holz ist ein leicht zu bearbeitendes Material. Balkenhol verwendet vor allem weiche Holzarten wie Pappel oder Wawaholz. Grob behauene, kantige Oberflächen zeichnen seine Figuren aus. Ihr Wiedererkennungseffekt ist groß. Nicht nur die Werkzeugspuren, auch Astansätze, Schrunden, Splitter, Risse und die Maserung bleiben sichtbar.

Balkenhol schafft keine Portraits. Er zeigt ganz normale Menschen. Seine Figuren sind dennoch so etwas wie Archetypen. Museumsdirektorin und Kuratorin Nicole Fritz spricht von „Kollektivsymbolen“. Die Männer tragen zumeist schwarze Hosen und weiße Oberhemden, die Frauen einfach geschnittene Kleider. Es handelt sich um Alltagskleidung, die deutlich macht, dass seine Figuren Menschen wie du und ich sind. Balkenhol bedient sich eines Grundmusters, das er vielfältig variiert, indem er seine Figuren einzeln oder in Gruppen aufstellt. Gekonnt spielt der Künstler zudem mit den Größenverhältnissen seiner Figuren. Etwa in „Großer Kopf mit Figur“, bei der einer von Balkenhols typischen Holzmännern in die Betrachtung eines riesigen Kopfes versunken ist. Ist es sein Ebenbild, das der Mann hier studiert? Damit würde die Skulptur zu einer philosophischen Selbstbefragung. Zum Ende der Ausstellung überrascht Balkenhol mit einer hölzernen Teddy-Figur. In „Kleiner Gott“ wird ein Schmusetier zum Fetisch erhoben. Eine Provokation? Mitnichten. Auch dieses Werk gibt sich wie alle Arbeiten des Künstlers äußerst zurückhaltend.       

Stephan Balkenhol.

Kunstmuseum Ravensburg

Burgstr. 9, Ravensburg.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 28. August 2014.

 




Kunstmuseum Ravensburg