11/06/14

Glaubensansichten

Das Kunstmuseum Ben zeigt eine Retrospektive von Bill Viola - und kooperiert dafür mit der Berner Münstergemeinde

von Annette Hoffmann
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Bill Viola, Tempest (Study for the Raft), Foto: Kira Perov, © Bill Viola Studio

Das Kunstmuseum Ben zeigt eine Retrospektive von Bill Viola - und kooperiert dafür mit der Berner Münstergemeinde

Wenn im Frühjahr Ausstellungen „Passions“ heißen, öffnet sich unweigerlich so etwas wie der christliche Erwartungshorizont. Dann denkt der durchschnittlich religiös gebildete Museumsbesucher weniger an Leidenschaften als an die Passionsgeschichte. Umso mehr als das Kunstmuseum Bern für Bill Violas Schau „Passions“ mit der Münstergemeinde Bern kooperiert. Und wirklich muss man diese beiden Teile der Ausstellung zusammendenken. Im Berner Münster werden die Themen, die im Kunstmuseum Bern anklingen, in ein soziales Konstrukt eingebunden, das man Religiosität, Spiritualität oder einfach auch Gemeinschaft nennen kann. Und das hat seine Wirkung. Weder ist das neu noch hat Bill Viola (*1951) jemals einen Hehl daraus gemacht, dass er in der zeitgenössischer Kunst die großen Themen wie Geburt, Tod und Bewusstsein vermisst.

Bill Viola dehnt die Zeit. In der Videoarbeit „The Passing“, die er seiner verstorbenen Mutter gewidmet hat, sieht man immer wieder einen Mann, der in Kleidern ins Wasser taucht, halb schlafend, halb bei Bewusstsein, die Bilder werden flankiert von den Aufnahmen eines strahlenden, blonden Jungen und den Großaufnahmen auf das Gesicht eines schlaflosen Mannes. Ständig wacht er auf, greift zum Wecker, doch der Morgen graut noch immer nicht. Das englische Wort „passing“ steht für das Überschreiten einer Grenze, es kann ebenso das Sterben meinen als ein Überschreiten und Vorübergehen. Doch allein durch die Dauer der 1991 entstandenen Arbeit thematisiert Bill Viola die Zeit. Knapp eine Stunde ist das Video lang, die zweite größere Arbeit „Hatsu-Yume (First Dream)“ kaum kürzer. In dieser Zeit taucht man in die Bilder wie in eine Unterwasserwelt ein.

In den frühen Werken konstruiert Viola keine Narration. „Passing“ setzt für die Auseinandersetzung mit dem Tod der Mutter, die am Ende aufgebahrt in einem Sarg liegt, Bilder des Übergangs ein. Sie beziehen sich auf das eigene Älterwerden, Bewusstseinszustände, die nah am Traum sind oder auf die amerikanische Landschaft. In dem früheren, 1981 entstandenen Video „Hatsu-Yume (First Dream)“ zeigt sich Viola von den Möglichkeiten der Bildfindung fasziniert. Chrom blitzt und reflektiert die Lichter der Großstadt und die Farben brechen, wenn das Kameraauge Koi-Karpfen in einem Teich erfasst. Die Wirkung beruht nicht auf analysierenden Bildern, sondern auf ihrer gegenseitigen Beeinflussung. Sterbende Kraken auf dem Deck eines Trawlers färben auf japanische Reisfelder oder das nächtliche Tokio auf geradezu elegische Weise ab.

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Bill Viola, Study for Emergence, 2002, Videostill, Foto: Kira Perov, © Bill Viola Studio

In den jüngeren Werken, die in Bern im Münster zu sehen sind, klinkt sich der amerikanische Künstler viel stärker in traditionelle Bildvorstellungen ein. Für sein Video „Study for Emergence“ aus dem Jahr 2002, das im Altarbereich auf einem Flachbildschirm präsentiert wird, zitiert Viola das Bild einer Pieta aus dem 15. Jahrhundert. Bereits der blaue Hintergrund, vor dem sich das Marmorbassin zentral abhebt, ist malerisch. Aus ihm wird langsam der erschreckend weiße Körper eines Mannes steigen, der von einer älteren und einer jüngeren Frau umfangen, auf dem Boden gelagert wird und am Ende mit einem Tuch abgedeckt wird. Der Betrachter ist geschult, in der Trauer der Frauen die von Maria und Magdalena zu sehen, umso mehr als sich in unmittelbarer Nähe im Münster eine Pieta-Skulptur befindet. Je klarer umrissen die Aussagen Violas sind, desto stärker ist aus dem Videomacher ein Regisseur geworden, der Schauspieler castet, anleitet und im Raum choreografiert. Wie sehr seinen Videos die Darstellung von Affekten und Attitüden zugrunde liegt, zeigt sich in „Tempest (Study fort he raft)“. Das Unwetter, das sich über der Menschengruppe entlädt, bleibt anonym. Genauso gut könnte der Strahl von einem Wasserwerfer stammen. In Slow Motion reagiert die Gruppe individuell auf diese einstürzende Wucht. Manche knicken ein, werden auf den Boden geworfen oder halten sich mühevoll. Andere helfen, als das Wasser versiegt, diesen wieder auf. Ob es eine Strafe ist, ein Zufall oder Unglück, lässt sich nicht sagen. Im Münster jedoch sind die Werte, die diese Gemeinschaft zusammenhält und stärkt, unzweifelhaft. Alles andere ist Glaubenssache. 

 

Bill Viola: Passions.

Kunstmuseum Bern

Hodlerstr. 8-12, Bern.

Öffnungszeiten: Dienstag 10.00 bis 21.00 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.

Berner Münster

Münsterplatz 1, Bern.

Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag, 10.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 20. Juli 2014.

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