06/11/12

Vom Verschwinden (k)eine Spur

Mit der Ausstellung "adobe" von Leni Hoffmann startet der Off-Raum barcelona in Freiburg sein Programm.

von Dietrich Roeschmann
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Mit der Ausstellung "adobe" von Leni Hoffmann startet der Off-Raum barcelona in Freiburg sein Programm.9759trester_2.jpg

Die Einladungskarte kommt so unscheinbar daher, als wollte sie übersehen werden: „leni hoffmann: adobe. im barcelona Freiburg“. Dabei verkündet sie gleich zwei Überraschungen. Zum einen eröffnet mit dieser Schau der neue Kunstraum „barcelona“ – ein Folgeprojekt des Off-space „plan b“, den Studierende der Freiburger Außenstelle der Kunstakademie Karlsruhe vor drei Jahren gegründet hatten. Zum anderen ist die Ausstellung, die hier zu sehen ist, die erste Einzelschau von Leni Hoffmann (*1962) in Freiburg überhaupt. Erstaunlich ist das vor allem deshalb, weil die Düsseldorferin seit 2002 als Professorin für Malerei an der Freiburger Außenstelle der Kunstakademie Karlsruhe tätig ist. Ihre raumbezogenen Arbeiten wurden vielfach international ausgestellt, unter anderem im MoMA in New York. Doch weder das örtliche Museum für Neue Kunst noch der Kunstverein Freiburg konnten sich bislang zu einer Einzelpräsentation ihrer Arbeiten durchringen.

Das hat nun der junge Künstler Kriz Olbricht übernommen, der den Off-Space nach der Auflösung des „plan-b“-Teams für ein Jahr weiterführen wird. Viele Mitglieder des einstigen Kollektivs haben ihr Studium abgeschlossen und sind weg gezogen. Auch Olbricht ist auf dem Sprung: Nach einem Stipendium in Nizza wird er im kommenden Jahr wohl nach Karlsruhe gehen. Doch den Ausstellungsraum einfach aufzugeben, kam für ihn nicht infrage. Kein Wunder: Unscheinbar und etwas heruntergekommen, ist dieser Pavillon eine stille Schönheit. Entworfen von Horst Linde, der auch den Stuttgarter Landtag und zahlreiche weitere spätmodernistische Klassiker in Baden-Württemberg baute, erinnert der Bau in seiner klaren Linienführung entfernt an den berühmten „Barcelona“-Pavillon von Mies van der Rohe. Es ist ein Kleinod des International Style in der Provinz, zunächst als Studentencafé geplant, irgendwann zog dann ein Blumenladen ein, später eine Buchhandlung und schließlich der Leerstand. Eingeklemmt zwischen Zahnklinik und Straße, wartet er nun auf einem Grünstreifen, der bald einem Parkplatz weichen könnte, auf seinen möglichen Abbruch.

Leni Hoffmann reagiert auf diese prekäre Situation mit einem brachialen Eingriff, der Lindes Pavillon schon jetzt vorläufig zum Verschwinden bringt: Vor der eleganten Glasfront montierte sie vom Boden bis zur überkragenden Dachkante eine Konstruktion aus Gitterrosten, wie sie zur Abdeckung von Tiefgaragenschächten benutzt werden. Als hätte da jemand den Bürgersteig hochgeklappt, verdecken die zur geometrischen Raumzeichnung verschraubten Roste nahezu die gesamte Fassade – mit irritierendem Effekt. Steht man tagsüber davor, wirkt der Pavillon mit seiner jetzt angewinkelten Front plötzlich wie ein verbarrikadierter 50er-Jahre-Bau. Bewegt man sich aber am Abend daran vorbei, beginnt das Licht, das zwischen den Gittern auf die Straße fällt, in schönsten Op-Art-Pattern zu flirren und gibt dem Bau eine fast psychedelische Transparenz. Von Verschwinden also keine Spur. Im Gegenteil: Vielen scheint das Gebäude überhaupt erst jetzt aufzufallen. Die Leute laufen an der Gitterwand vorbei, bleiben stehen, runzeln die Stirn. Von innen sieht man sie dann in den Raum spähen, neugierig oder misstrauisch, bevor sie im Weitergehen von den Gitterlamellen geschluckt werden, die das Sichtfeld beschränken.

Auch die zweite große Arbeit, „adobe“, die Hoffmann hier neben einer Reihe minimalistischer Wandprofile und handlichen Bildobjekten aus Knete, Zinn oder Matratzendraht zeigt, erzeugt diese zarte Balance zwischen Durchlässigkeit und Abgeschlossenheit. An der gläsernen Seitenfront des Innenraums hat sie dafür ein gutes Dutzend abgestoßener Styropor- und Schaumstoffquader so übereinandergestapelt, dass sie wie eine Ruinenkulisse im Arte-povera-Look wirken. Das Licht, das durch die Fugen schimmert, bringt das massive Leichtgewicht dieser Mauer fast zum Schweben, doch statt Erhabenheit regiert hier eher ein leiser Humor, wie die eindrucksvollen Befestigungen der Blöcke an den Fenstern zeigen. Handtellergroße Gipsflecken auf dem Glas geben vor, das poröse Material zu halten, doch schon das Kondenswasser, das sich zwischen Flecken und Scheibe gebildet hat, lässt ahnen, dass es eher die Schaumstoffblöcke sind, die den Gips tragen als umgekehrt. Irgendwann werden sie einfach herunterrutschen, und das hübsch gepunktete Bild, das sie von außen auf die Seitenfront zaubern, wird sich langsam verändern. Es sind solche anarchischen Prozesse, mit denen Leni Hoffmann hier auf fast spielerische Weise vorführt, wie ausgerechnet die strenge Architektur dieses spätmodernistischen Pavillons eine Raumerfahrung begünstigt, die sich nicht vom Faktischen der gegebenen Ordnung leiten lässt, sondern von den in ihr verborgenen Widersprüchen und Möglichkeiten.

Leni Hoffmann, adobe
barcelona
Heiliggeiststr. 3, Freiburg.

Öffnungszeiten: Samstag bis Sonntag 15.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 11. November 2012.
Barcelona