11/06/14

Dialektik der Aufklärung 2.0

Nach vierjähriger Kunstpause zeigt Paul Chan im Schaulager Basel sein Gesamtwerk

von Dietrich Roeschmann
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Paul Chan, 3rd Light, 2006, digitale Videoprojektion (Farbe, ohne Ton) und Tisch, 14', Emanuel Hoffmann-Stiftung, Geschenk der Präsidentin, 2010, Depositum in der Öffentlichen Kunstsammlung Basel, © Paul Chan, Foto: Tom Bisig

Nach vierjähriger Kunstpause zeigt Paul Chan im Schaulager Basel sein Gesamtwerk

Irgendwann im Herbst 2009, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, beschloss Paul Chan, dass es so nicht weitergehen könne. Der Zynismus des Kunstmarkts ging ihm zunehmend auf die Nerven. „Zeitgenössische Kunst schließt 99 Prozent aus“, befand er – wo Kunst doch eigentlich zeigen sollte, dass eine andere Welt möglich sei. Also hörte er einfach auf mit der Kunst, engagierte sich in der Occupy-Bewegung und gründete seinen eigenen Verlag.

Tatsächlich ist es seither still geworden um Chan, der 1973 in Hongkong geboren wurde und in den USA aufwuchs. Für erstes Aufsehen hatte er 2003 kurz nach Ende seines Kunststudiums gesorgt, als er mit einer Gruppe von Aktivisten in den Irak gereist war, um trotz des US-Embargos Medikamente in das Kriegsgebiet zu bringen. Gerüchte von seiner Verhaftung durch das US-Militär machten die Runde und schoben seine Karriere an. Als Chan 2007 dann in der Londoner Sepentine Gallery die ersten Arbeiten seiner mittlerweile berühmten Serie „7 Lights“ zeigte, kürte die Kritik ihn kurzerhand zum radikalen Erneuerer der politischen Kunst. Erstmals ist dieses digital anmierte Mahnmal für die Opfer von 9/11 und George W. Bushs „War on Terror“ nun vollständig im Schaulager Basel zu sehen, wo Paul Chan nach vierjähriger Kunstpause sein bisheriges Gesamtwerk ausbreitet. Was diese Ausstellung zeigt ist vor allem eines: Trotz der brisanten Themen, trotz Krieg, Gewalt und sozialer Konflikte, die Chan verhandelt, bedient seine Kunst keine billigen Affekte des Politischen, sondern kreist mit stillem Humor und einem enormen Erkenntnishunger um die ganz großen Fragen: Wer sind wir? Wie leben wir? Wie wollen wir künftig leben?

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Paul Chan, Happiness (Finally) After 35,000 Years of Civilization (after Henry Darger and Charles Fourier), 2000-2003, Digitale Videoprojektion auf Leinwand (Farbe, Ton), 17'20'', The Museum of Modern Art, New York. Fractional and promised gift of David Teiger © Paul Chan, Foto: Paul Chan

Vielen seiner Arbeiten gehen lange Recherchen im Internet voraus, aus denen er seine abgründigen Erzählungen arrangiert. Auch die Verweisstrukturen zwischen seinen Werken – und von da aus zu Texten von Nietzsche, Adorno oder Foucault, zu Ikonen der Popkultur und Kunstgeschichte, zu Linguistik oder Vogelkunde – folgen der Logik des Netzes. Welchen Sog dieser Referenzkosmos entwickeln kann, zeigt schon die frühe Videoinstallation „Happiness (Finally) After 35 000 Years of ­Civilization“. Inspiriert von den Utopien des Frühsozialisten Charles Fourier und dem drastischen, 15.000-seitigen Sex- und Gewalt-Epos „The Vivian Girls“ des Chicagoer Art brut-Künstlers Henry Darger entwirft Chan hier eine apokalyptische Comic-Idylle, in der Harmonie und Horror auf groteske Weise zusammenfallen. Eine Dialektik der Aufklärung in 2.0-Version. Als analoges Pendant dazu inszenierte er 2007 Samuel Becketts „Warten auf Godot“ in New Orleans. Schauplatz der Aufführung war eine Kreuzung in einem von Hurrikan „Katrina“ verwüsteten Viertel, dessen Bewohner immer noch auf die versprochenen staatlichen Hilfen warteten. In Basel mischen sich Requisiten dieser Aufführung unter zahllose Zeichnungen und Collagen, die wie eine Mind Map der Dystopien unserer Gegenwart über die Wände wuchern. Aus einem Nebenraum pulsiert dazu ein HipHop-Track von Jay-Z, der den Soundtrack zu „My birds ... trash ... the future“ liefert, einer von US-Soldaten, Selbstmordattentätern, verstümmelten Leichen und düsteren Vögeln bevölkerten Reanimation des Goya-Zyklus „Die Schrecken des Krieges“. Auch Chans Schattentheater „Sade for Sade’s Sake“ kreist um nackte Gewalt – und geht doch darüber hinaus. Die Beamer, die hier sexuelle Exzesse aller Art an die Wand projizieren, sind über dicke Kabelbündel mit Dutzenden von Bild- und Schrifttafeln im Nebenraum verbunden. Die Texte darauf verfasste Chan mit selbst entwickelten Fonts, für die er jedem Buchstaben des Alphabets eine neue, pornografisch oder philosophisch aufgeladene Bedeutung zuwies und so die Kluft zwischen dem, was wir sagen, und dem, was wir meinen, in Sprachbilder übersetzte, die wie die Dokumente eines kollektiven Tourette-Syndroms wirken.

Die jüngsten Arbeiten, die Chan im zweiten Teil seiner Schau präsentiert, zeugen hingegen von einer überraschenden Formalisierung der Netzidee. Zu sehen sind eine Bodeninstallation aus Hunderten, mit Kabeln verbundenen Schuhen, Projektoren, die Bilder in sich selbst projizieren, und eine riesige Wand mit rund 1000 Bucheinbänden, die Chan als Malgrund und als Inspiration für eine kiloschwere Anthologie selbst verfasster, kryptischer Texte nutzte. Verglichen mit der Dynamik seines Werks bis 2009 wirken die Resultate dieser Wendung ins Monumentale allerdings seltsam unterkomplex und statisch.          

Paul Chan: Selected Works

Schaulager Basel

Ruchfeldstr. 19, Basel-Münchenstein.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 12.00 bis 18.00 Uhr, Donerstag 12.00 bis 22.00 Uhr.

Bis 19. Oktober 2014.

 




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