10/06/14

Spüren, was man nicht sieht

Maria Eichhorn regt im Kunsthaus Bregenz zum Nachdenken über sexuelle Begierden, Geld und Atomkraft an

von Florian Weiland
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Maria Eichhorn
, Baudiagramm, 12 Pendel, 8 Ruten (Detail), 2014
, Ausstellungsansicht 3. OG, Kunsthaus Bregenz, 
Foto: Markus Tretter
© Bildrecht, Wien, 2014 und Kunsthaus Bregenz

Maria Eichhorn regt im Kunsthaus Bregenz zum Nachdenken über sexuelle Begierden, Geld und Atomkraft an

Pornografie oder Kunst? Maria Eichhorns „Filmlexikon sexueller Praktiken“ ist weit mehr als nur eine Provokation. Die Arbeit besteht aus elf dreiminütigen 16-mm-Filmen, sechs davon sind exklusiv für die Ausstellung in Bregenz entstanden. Das Angebot reicht vom harmlosen Knutschfleck über das Ohrmuschellecken und die männliche und weibliche Masturbation bis hin zum Analkoitus. Pornografie ist im Internet heute problemlos verfügbar. Ein Mausklick reicht. Maria Eichhorn setzt die Hürden weitaus höher. Jeder Besucher, sofern er volljährig ist, darf sich einen Film wünschen. Er hat die freie Auswahl, aber er muss den Mut aufbringen, das Aufsichtspersonal anzusprechen, das die Filmrolle einlegen wird. Dass dies dem ein oder anderen peinlich sein könnte, ist der entscheidende Punkt. Eichhorn lässt uns über unsere sexuellen Begierden und unser Schamgefühl nachdenken. Die Filme werden auf die nackte Betonwand des Kunsthauses projiziert. Der Raum selbst bleibt hell, so dass auch der letzte Rest von Intimität verloren geht. Maria Eichhorn (*1962) verwandele das Kunsthaus in einen „Denk- und Erfahrungsort“, kommentiert Kurator Rudolf Sagmeister das Ausstellungsprojekt. Während die zuvor zu sehende Schau von Pascale Marthine Tayou in eine üppige Materialschlacht ausartete, regiert diesmal karge Konzeptkunst. Vieles spielt sich nur im Kopf des Betrachters ab. Auch im Fall des „Filmlexikons sexueller Praktiken“, bei der zunächst nur die Liste der verschiedenen sexuellen Techniken an der Wand zu lesen ist.

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Maria Eichhorn
, Filmlexikon sexueller Praktiken, Detail, Kunsthaus Bregenz
, Foto: Markus Tretter 
© Bildrecht, Wien, 2014 und Kunsthaus Bregenz

Ein knapp 20 Meter langer Vorhang aus dickem Jeansstoff verdeckt eine Wand im ersten Stockwerk des Kunsthauses. Was sich hinter dem Vorhang verbirgt, erfahren wir nicht. Eichhorns Arbeit „Vorhang“, erstmals 1989 präsentiert, widmet sich dem Thema Atomkraft. Ein Vortrag über die Anti-Atomkraft-Bewegung ist integraler Bestandteil dieser Arbeit. Wer diesen verpasst, kann sich mit zwei Videodokumentationen, in denen japanische Experten zu Wort kommen, und einer kleinen Bibliothek trösten.

Der faszinierendste Beitrag der Ausstellung wartet in der obersten Etage. Auf den ersten Blick meint man eine Bodenarbeit in der Tradition der Minimal Art vor sich zu haben. Doch das streng geometrische Muster, das sich in blauen, gelben und roten Linien über den gesamten Fußboden erstreckt, ist das Ergebnis einer Vermessung. Eichhorn hat einen Wünschelrutengänger aus dem Bregenzerwald – der lokale Bezug ist ihr wichtig – die Erd-, Wasser- und kosmische Strahlung ausmessen lassen. Das Diagramm macht etwas Immaterielles sichtbar, etwas, was wir nicht sehen, das aber besonders sensible Menschen spüren können und das unsere Gesundheit beeinflusst.

Eichhorn, in Bamberg geboren, lebt in Berlin und hat einen Lehrauftrag an der Zürcher Hochschule der Künste. Das zweite Stockwerk bringt ein Wiedersehen mit ihrem preisgekrönten documenta-Beitrag „Maria Eichhorn Aktiengesellschaft“. Das Gründungskapital der Aktiengesellschaft – 50.000 Euro – liegt in einem verführerischen Packen von 500-Euro-Scheinen in einer Vitrine. Die Satzung sieht jedoch ausdrücklich vor, dass die Aktiengesellschaft – sämtliche Aktien sind im Besitz der Künstlerin – ihr Kapital nicht vermehren darf. Eine AG, die nicht auf die Gewinnmaximierung ausgerichtet ist? Eichhorn führt die Regeln der Wirtschaftswelt ad absurdum. Penibel werden dennoch die Rechenschaftsberichte dieser aberwitzigen, aber ordnungsgemäß im Handelsregister eingetragenen Aktiengesellschaft ausgestellt. Die aktuellsten Unterlagen stammen aus diesem Jahr. Alle ihre Arbeiten seien „ein Kontinuum“, beschreibt Eichhorn die für Bregenz getroffene Werkauswahl. Fortsetzung folgt.  

        

Maria Eichhorn.

Kunsthaus Bregenz

Karl-Tizian-Platz, Bregenz.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 21.00 Uhr.

Bis 6. Juli 2014.

 




Kunsthaus Bregenz