07/11/12

Vom Potenzial des Nichts

Der Münchner Kunstraum „lothringer_13 Halle“ widmet der „visuellen und narrativen Erlebnisarmut“ eine Ausstellung.

von Leon Hösl
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Der Münchner Kunstraum „lothringer_13 Halle“ widmet der „visuellen und narrativen Erlebnisarmut“ eine Ausstellung. 8608bmovie.jpg

Eine Ausstellung zum Thema Langeweile zu eröffnen, während in der Stadt das Oktoberfest tobt, macht einen Kontrast offensichtlich. Versucht die Unterhaltungsindustrie den Menschen permanent zu beschäftigen, reduzieren jüngste Tendenzen der zeitgenössischen Kunst die Flut von Eindrücken und lenken unseren Blick in die Stille des White Cube und auf die Qualitäten des langweiligen Moments. Der Entschleunigung widmet sich die lothringer_13 Halle nun mit der Ausstellung „The Undercurrent of Boredom“. Und liegt nicht das Potential der Langeweile im Moment der inneren Leere, in der man auf sich selbst und seine Existenz gestoßen wird?

Ein ähnliches Gefühl muss die Maler der Romantik angesichts sublimer Landschaften ereilt haben. Darren Almond (*1971) hat Orte besucht, die Künstler wie Turner, Friedrich oder Constable zu ihren Gemälden inspiriert haben und hat sie für seine Fotoserie „Fullmoon“ festgehalten. Die Bewegungen der Nacht, der Zug der Sterne hinterlassen bei der 15-minütigen Belichtungszeit ihre Spuren in den Fotografien, die Natur wirkt surreal und mystisch. Um Spuren geht es auch in den Eddingzeichnungen von Jin-Kyoung Huh (1968), die mit dem immer gleichen Stift drei Papierbögen mit regelmäßigen, schwächer werdenden Linie überzogen hat. Ein treffendes Sinnbild auf das meditative Dahinfließen der Zeit bei konzentrierter Arbeit. Wie unterschiedlich Zeit aus verschiedenen Sichtweisen wahrgenommen wird, macht Douglas Gordon (*1966) im Kontext der Ausstellung mit „B-Movie“ makaber deutlich. Eine kleine Fliege, bei der man unweigerlich an jene erinnert wird, die 1970 über die nackte Yoko Ono spazierte, liegt hilflos auf dem Rücken und strampelt in regelmäßigen Abständen um ihr Leben, eins-zu-eins in eine kleine Aussparung der Wand projiziert. Mancher fühlt sich hier vielleicht an Kindertage erinnert, an das Spiel mit Insekten in langen Stunden. Was bei einem kleinen Jungen aus Forschergeist, Omnipotenzgefühlen oder schlicht zum Zeitvertreib geschieht, gestaltet sich für das Insekt als äußerst kurzweilige Todesangst. Doch ebenso wenig wie der Elefant in Gordons Video „Play Dead; Real Time“ wirklich tot umfällt, stirbt hier die Fliege im Dienst der Kunst. Nach knapp elf Minuten verschwindet sie strampelnd in einem dezenten Fadeout.
Zwei weitere Positionen beschäftigten sich mit der Relativität von Zeit- oder Wirklichkeitswahrnehmung. Eine ist der Kurzfilm des kanadisch-schweizerischen Künstlerpaars Teresa Hubbard (*1965) und Alexander Birchler (*1962). Der unglaublich stringent konzipierte Film erzeugt einen Sog, in dem die Trennlinie zwischen Schlafen und Wachen verschwimmt. „Nightshift“ schafft Momente, in denen die Unterscheidung zwischen Traum- und Wachzustand des Protagonisten unmöglich wird. Schließlich zieht einen David Claerbouts (*1969) „Study for a Portrait (Violetta)“ so in seinen Bann, dass man zwischen den Zeit- und Realitätsebenen des Films die Orientierung verliert. In einem abgedunkelten Raum blickt man in das Gesicht einer Frau, deren dunkles Haar leicht im Wind weht und stellt bald fest, dass man selbst auch einen Luftzug am eigenen Kopf spürt. Nach und nach übernimmt man die Haltung der Frau spiegelbildlich, um dann, angestrahlt durch die Rückenprojektion, im gleichen diffusen Licht zu stehen wie Violetta. So verunklärt sich das Verhältnis zwischen Betrachterin und Betrachter und der filmisch porträtierten Frau: wer blickt hier wen an?

Zu dem vermeintlich langweiligen Thema ist eine größtenteils anregende und spannende Ausstellung gelungen, die zum Weiterdenken anregt. Denn das Potential der Langeweile ist noch längst nicht ausgeschöpft. Tragts diese Botschaft auf die Wiesn!

The Undercurrent of Boredom.
Lothringer_13 Halle

Lothringer Str. 13, München.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 19.00 Uhr.
Bis 11. November 2012.
Lothringer 13