08/11/12

Akustische Signalkurven

Eine Ausstellung im Kunsthaus Baselland untersucht, wie Sprache Macht und Identität verhandelt.

von Yvonne Ziegler
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Kann man ohne Sprache denken, die Welt verstehen, sich ein Bild von sich machen? Wie man etwas wahrnimmt, einschätzt und verarbeitet, steht in Zusammenhang mit dem Wortschatz, der Struktur und den Regeln der Sprache. An Sprech- und Schreibweisen lassen sich individuelle und kulturelle Eigentümlichkeiten ablesen, andererseits gehen Sprachgrenzen meist mit Herrschaftsgrenzen einher. Eine Stimme zu haben und sie einzusetzen, kann die Ausübung von Macht bedeuten. In den 1980er Jahren untersuchte die Feministin Luise F. Pusch das Deutsche als Männersprache, während die Norwegerin Gerd Brantenberg in ihrem vergnüglichen Roman „Die Töchter Egalias“ die Geschlechterrollen umdrehte: Menschen wurden zu Wibschen, die leicht die Befrauschung verloren. Sprache ist weder neutral noch universal, sie ist nicht einmal körperlos.

Die von Nadia Schneider Willen im Kunsthaus Baselland kuratierte Ausstellung „Schlagwörter und Sprachgewalten. Wie in der Sprache Macht und Identität verhandelt werden“ untersucht anhand von Werken internationaler Künstler Mechanismen von gesprochener Sprache, Schrift sowie Notation und nonverbaler Kommunikation. José Restrepos (*1959) stumm geschalteter Monolog eines kolumbianischen Senatsmitglieds ist Belegmaterial für die Dr.-Fox-These, dass nicht der Inhalt einer Rede, sondern die überzeugende Art des Vortrags bedeutsam ist. In „El arte de la retórica manual“ unterstreicht das stumpfe Aufschlagen seiner Hand auf dem Rednerpult die lautlose Gestik und Mimik des Politikers. Mit den eindringlichen Schlägen versucht er seinen Worten Nachdruck zu verleihen, sie und damit sich in die Köpfe der Zuhörer zu hämmern. Eindrücklich führen die auf Dokumentationsmaterial beruhenden inszenierten Filme von Julika Rudelius (*1968) vor, wie einflussreiche Politiker ihre Praktikanten auf das Modell des charismatischen Führers einschwören und dabei in teils prunkvollem Ambiente verlautbaren, dass man die Menschen von sich überzeugen müsse, dass man sie zum Glauben und Nachfolgen bewegen müsse. Performance und Rhetorik, nicht jedoch Inhalt oder Vision, müssen stimmen. Am eigenen Leib kann man die Stimmgewalt von Schlagwörtern in Tania Brugueras (*1968) Installation „Autobiografía – Inside Cuba“ erleben, wenn man sich auf die Bühne in dem ansonsten leeren Raum im Erdgeschoss begibt. Aus mehreren Lautsprechern schallen propagandistische Losungen und kurze hetzende Sätze wie „muerte patria!“ von Fidel Castro. Ab und an scheint der Redefluss an einer Schallplattennadel festzuhängen, abgehackte Slogans werden wiederholt. Während der Boden unter den Füßen schwingt, ist das Branden der Massen fühlbar. Der Versuch, mit der eigenen Stimme gegen den Wortschwall des Machthabers anzukommen, misslingt, denn das bereitstehende Mikrophon ist nicht eingestöpselt. Der leere Raum macht das Ohnmachtsgefühl angesichts des vibrierenden Tones umso eklatanter. Werden Völker unterworfen, so versuchen Herrschende über das Aufoktroyieren von Sprache Macht auszuüben. Lange nach dem Ende des Enver Hoxha Regimes zeigt Katarina Zdjelars (*1979) Video „A Girl, the Sun and an Airplane Airplane“, wie viel Russisch Albaner heute noch können. Im Tonstudio vermögen manche nur noch wenige Brocken zu erinnern, die sie in der Schule gelernt hatten.

Sprachen können verschwinden, wenn sie zu wenig gesprochen und von den Sprachen der Mächtigen verdrängt werden. Oftmals sind es jedoch diejenigen, die keine Schrift besitzen und nur durch mündliche Überlieferung weitergegeben werden. Susan Hiller (*1940) erstellt in „The Last Silent Movie“ ein grafisches Archiv von verschwindenden und schon verstummten Sprachen, indem sie im Zuge anthropologischer Recherchen gewonnene Tonaufnahmen von Wörtern in akustische Signalkurven umsetzt. Eine kühle Visualisierung eines traurigen Niedergangs: Sprachen sterben lautlos. Niemand begehrt laut auf. Die Relevanz und Besonderheit von Verschriftlichung beziehungsweise Schreibsystemen wird in Yto Barradas (*1971) Arbeit „The Telephone Books (or the Recipe Books)“ deutlich. Es handelt sich um großformatige Fotografien eines Notizheftes mit eigentümlichen Notationen ihrer Großmutter, eine Analphabetin, die sich mit Strichen, Kringeln und Zahlen Gedächtnisstützen machte. Viele Werke der Ausstellung sind stumm, verweisen auf Gesprochenes, indem sie Gestik, Skizzen oder Bilder zeigen. Dani Gal (*1977) sammelt seit 2005 Schallplatten von wichtigen Politikerreden, Interviews berühmter Personen oder Radiosendungen historischer Ereignisse aus den 1950er bis 1980er Jahren. Die unsystematische Aufstellung der Plattencovern auf schmalen Regalen lenkt den Blick auf das jeweilige Image, das durch Typografie, grafische Gestaltung und Bilder hervorgerufen wird. Wie das Aufschlagen der Hand in der Rede des kolumbianischen Abgeordneten ist für die Verbreitung und letztlich Vermarktung der oftmals propagandistischen Reden und Interviews die Visualisierung zentral. Sie unterstreicht die Inhalte der Tonaufnahme, gibt ihr ein Gesicht und zementiert nationale Geschichtsschreibung.

Eine künstlerische Strategie der Freilegung von Mechanismen ist die Übersetzung in ein anderes Medium. In Jorge Macchis (*1963) Video „12 Short Songs“ ist eine kleine Musikdose mit offen liegendem Getriebe zu sehen, die Schlagzeilen amerikanischer Zeitungen wie „financial crises affects food“ in Lochkartenmanier auswirft. Anrührend dreht eine Hand an der kleinen Kurbel des merkwürdigen Nachrichtentickers, über Kopfhörer ist die sich ergebende Melodie zu hören. Die poetische Umsetzung der Schlagzeilen in Lochschrift und Musik steht in schroffem Kontrast zum dramatischen Inhalt.
Die Ausstellung vermag kein geschlossenes Ganzes zu geben, sie zeigt eher Splitter. Denn der Themenkomplex Sprache mitsamt der verbalen, nonverbalen und schriftlichen Kommunikation, Gewalt und Identität ist zu umfassend, um erschöpfend aufgezeigt werden zu können. Die Konzentration auf einen Aspekt wäre gut gewesen. Dennoch sind spannende Werke zusammengeführt, deren Betrachtung sich allemal lohnt.

Schlagwörter und Sprachgewalten.
Kunsthaus Baselland

St. Jakob-Str. 170, Basel-Muttenz.

Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 14.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 11. November 2012.
Kunsthaus Baselland