05/06/14

Cabaret im Berghain

In der Villa Stuck bleibt die Hommage an Luis Buñuel „Der Stachel des Skorpions“ stumpf

von Roberta De Righi
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skorpionzielony.jpgskorpionzielony.jpgDer Stachel des Skorpions, 1. Episode Tobias Zielony, 2014, Filmstill, © Tobias Zielony

In der Villa Stuck bleibt die Hommage an Luis Buñuel „Der Stachel des Skorpions“ stumpf

„Cadavre exquis – vorzüglicher Leichnam“ heißt ein Spiel, bei dem jeder Mitspieler ein Körperfragment zeichnet, das Blatt faltet und weitergibt. Der Nächste setzt das Bild fort, ohne es zu kennen, am Ende ergeben sich bizarre Gestalten. Bei den Surrealisten war diese Methode als Weg zur unbewussten Formfindung sehr beliebt. So ähnlich funktioniert auch das filmische Ausstellungsprojekt „Der Stachel des Skorpions“, das jetzt in der Villa Stuck zu sehen ist. Marc Weis und Martin de Mattia vom Münchner Künstlerduo M + M waren zu Beginn ihres Studiums von Luis Buñuels Avantgarde-Film „L’Age d’Or – Das Goldene Zeitalter“ derart fasziniert, dass sie seither von einer Hommage an das surrealistische Avantgarde-Statement träumten. Dafür wurde nun die Stuck-Villa zum Kunst-Kino. Die sechs Beiträge sind allesamt Auftragsarbeiten.

Struktur und Inhalt gibt also Buñuels Film vor, der aus ebenso vielen Episoden besteht wie ein Skorpionschwanz Glieder hat. Den Auftakt der sechs Filme macht Tobias Zielony, der Teilnehmerinnen eines Trickfilm-Workshops in Palästina mit Schwarzlicht dabei filmte, wie sie Skorpione animieren und quasi mit dem Tod spielen – eine irrlichternde Dokumentation, deren Potenzial für den Zuschauer nicht ausgeschöpft wird. Es folgt der Clip der Kunst-Musik-Combo „Chicks on Speed“: Die Farben darin sind regenbogen-froh bis grell, gut gelaunte, befreite Frauen recken ihre Extremitäten in den Himmel über der Wüste, ein sprechendes Känguru referiert dazu gesellschaftskritische Betrachtungen. Es geht um tierisch-göttliche Mischwesen und von Ferne erkennt man, dass hier die Banditenszene aus „Das Goldene Zeitalter“ Pate stand. Das Resultat ist vergnügt-vergnüglicher Nonsens.

M + M selbst drehten mit den Schauspielern Birgit Minichmayr und Christoph Luser ein kleines Schwarz-Weiß-Drama vor der Infrarotkamera, dementsprechend wächsern sehen die Darsteller aus. Ein Liebespaar wird abgeführt, man hört ein paar Beschimpfungen, ein paar Anrufungen und wieder ist Nacht. Der Kunstwille ist hier definitiv stärker als die Macht der Story und der Bilder.

Bei Keren Cytter führt die Kleinstadt-Langeweile in einer Bar schnell in die Eskalation mit zwei Toten. Im Anschluss schickt dann Julian Rosefeldt einen tumben Tor durch eine Art Sodom und Gomorrha, verbildlicht als eine kaputte Kulissenstadt, die an Berlin erinnert. Man sieht: Nackte alte Männer, ewig lockende Frauen vor hohlen Fassaden, und ein kleiner Zeppelin schwebt hübsch phallisch durch die Straßenflucht. In einem Nachtclub beobachtet Rosefeldts Protagonist mit Faszination und Abscheu die sexuellen Ausschweifungen, verschärftes „Cabaret“ im Berghain. Und eine perfekt inszenierte 20er-Jahre-Groteske in Schwarz-Weiß.

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Um das Ende kümmerte sich John Bock. Auch er lieferte einen Film, den er aber eher als Installation aufgefasst hat: Sein auf dem Totenbett noch geiler, armer, alter Marquis de Sade ist ein Maskenbildner-Artefakt aus Eiter, Krätze und Sperma. Die anale Phase kehrt in der Kunst ‒ wie in Barneys jüngstem Film oder hier bei Bock ‒ regelmäßig wieder. „Die bürgerliche Moral ist für mich Unmoral, die man bekämpfen muss; diese Moral, die sich auf unsere äußerst ungerechten sozialen Institutionen wie Religion, Vaterland, Familie, Kultur gründet, überhaupt, was man so die Pfeiler der Gesellschaft nennt“, erklärte Buñuel seine Motivation. „Das Goldene Zeitalter“ entstand 1929/30, auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise. Nachdem Rechtsextremisten bei einer Pariser Aufführung wüteten, wurde der Film verboten, bis 1981 war er auf dem Index. Der Blick ins (Alp-)Traumhafte, Unbewusste war damals revolutionär. Mehr als acht Dekaden später muss man sich jedoch fragen: Was bedeutet „bürgerliche Moral“ heute und welche - bekämpfenswerten - Institutionen dominieren unsere Werte-Gesellschaft? Man kann darauf viele, auch gegensätzliche Antworten finden. Vielleicht ist das der Grund, warum „Der Stachel des Skorpions“ nicht recht sticht: Der Adressat bleibt unklar und die Attacke auf den guten Geschmack gerät zur Attitüde. Es krankt an zu viel Konzept, und dennoch führt die Auseinandersetzung mit Buñuels nicht dazu, dass die Bezüge in den sechs neuen Episoden sinnfällig wären. Faszinierend an ihnen ist ihre stilistische Vielfalt, doch anders als das Original bleiben sie mehrheitlich „L’art pour l’art“. „Der Stachel des Skorpions“ ist ein interessantes Experiment, das als großes Ganzes aber misslingt.

Der Stachel des Skorpions. Ein Cadavre exquis nach Luis Buñuels „L’Âge d’or“.

Villa Stuck

Prinzregentenstr. 60, München.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 9. Juni 2014.

 

 




Villa Stuck