30/05/14

An jedem Faden hängt eine Geschichte

Eine sehenswerte Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart rückt Textil als Material und Sujet der Kunst in den Fokus

von Annette Hoffmann
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Gerhard Richter, Yusuf, 2009, Privatsammlung, © Gerhard Richter

Eine sehenswerte Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart rückt Textil als Material und Sujet der Kunst in den Fokus

Nur die eigene Haut ist uns noch näher. Wenn nun in München, Paris, Bielefeld Textil als Material und Motiv inzwischen museumswürdig ist, verliert nicht nur ein Stück Stoff von seinem vermeintlichen Hautgout, mit dem Thema rückt auch sehr viel Kulturgeschichte in den Fokus. Textilien markieren die Grenze zwischen dem Menschen und seiner unmittelbaren Umgebung, sie charakterisieren das Individuum und markieren seinen sozialen Stand. Als Metapher haben sie unseren Wortschatz infiltriert, nicht grundlos entstehen Texte aus Stoffen. Das Weiche und Anschmiegsame steht derzeit hoch im Kurs.

„Kunst & Textil. Stoff als Material und Idee in der Moderne von Klimt bis heute“ ist die letzte von Markus Brüderlin kuratierte Ausstellung geworden. Der in Basel geborene Kunsthistoriker ist am 16. März im Alter von 55 Jahren gestorben. Mit ihr verfolgte er seine Auseinandersetzung mit dem Ornament, die er in der Fondation Beyeler begann, am Kunstmuseum Wolfsburg weiter. Die Ausstellung ist nun in einer verschlankten Version in der Staatsgalerie Stuttgart zu sehen. Man mag bedauern, dass die Exponate in der doch etwas beengten Stirling-Halle bei abgedimmtem Licht zu sehen sind, tatsächlich sind viele so empfindlich wie Papierarbeiten. Doch ein Besuch der Schau bleibt lohnend. Zwar enthält sie sich einer Meinung, warum alles Textile vom Ruf des Altmodischen derzeit befreit scheint, ob es an den eher abstrakten Prozessen liegt, die Arbeit und Alltag bestimmen und der damit verbundenen Wertschätzung des Handwerks oder der Freude am nachhaltigen Selbermachen? Der Fokus der Schau beleuchtet die Kunst- und Kulturgeschichte. Aber wo auch immer man an einem Faden zieht, fällt einem eine Geschichte zu.

Die Ausstellung setzt bei der Arts and Crafts-Bewegung und seinem Vertreter William Morris ein. Die Ausstattung der Innenräume und damit der Heimtextilien ging an das Kunsthandwerk über, das wiederum auf Bildern von Matisse oder Klimt bildwürdig wird und zur Flächigkeit der dargestellten Interieurs beiträgt. Die Schau widmet sich auch den Textilentwürfen des Bauhauses, darunter befinden sich Teppiche und Wandbehänge von Sonia Delaunay, Anni Albers und Sophie Taeuber-Arp sowie ihren Inspirationsquellen aus der Ethnologie. Vielen dieser Künstlerinnen bot die als Frauenkunst diffamierte Textilarbeit eine Erwerbsquelle, die ihnen ein unabhängiges Leben ermöglichte. Zugleich wird deutlich, wie eng die Verbindung zwischen dem Gewebe und seinem System aus Kett- und Schussfäden und einem Raster von Mondrian ist. Lenore Tawney wiederum hat die Webkunst gleich ganz aus der Flächigkeit befreit und Fadenräume geschaffen, die zur autonomen Skulptur geworden sind. Man hätte auch anders in das Thema einsteigen können. So findet sich in der Ausstellung mit Philippe de Champaignes „Das Schweißtuch der Veronika“ ein Vera ikon, das er Mitte des 17. Jahrhunderts malt. Das Bild stellt das wahrhafte Porträt Christus dar, die Leinwand ist sein Träger, die wiederum – wie gegenüber zu sehen ist – von Fontana durchschnitten und von Sergej Jensen zusammengenäht wird. Die Abstraktion hat da ihr ganz eigenes Pathos.

In Stuttgart kann man dem Thema Kunst und Textil in essayistischen Bewegungen folgen. Da hängen nebeneinander ein Gobelin aus dem 16. Jahrhundert aus einer Brüsseler Werkstatt mit dem Motiv einer stickenden höfischen Dame und Jacquard-Wandteppiche von Gerhard Richter, die in Flandern hergestellt wurden. Immer wieder finden sich Paarungen wie Zeichnungen von François Morellet und ein durchbrochenes Ajour-Gewebe aus Peru aus dem 14. Jahrhundert oder Beuys‘ Filzanzug und ein türkischer Hirtenmantel, der seinen Träger vor Wind und Wetter schützte. Man kann nicht nicht in Stoffen denken.        

Kunst & Textil –

Stoff als Material und Idee in der Moderne von Klimt bis heute.

Staatsgalerie Stuttgart

Konrad-Adenauer-Str. 30-32, Stuttgart.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis

20.00 Uhr. Bis 22. Juni 2014.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Kunst & Textil, Hatje-Cantz, Ostfildern 2013, 392 S., 49,80 Euro | 69 Franken.

 




Staatsgalerie Stuttgart