23/05/14

Zuhause auf Zeit

Die Große Landesausstellung Room Service in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden erkundet den Genius Loci der Bäderstadt

von Annette Hoffmann
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Guy Tillim, Grande Hotel, Beira, Mozambique, 2008, Pigmentdruck, © Guy Tillim, Courtesy Galerie Kuckei+Kuckei, Berlin

Die Große Landesausstellung Room Service in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden erkundet den Genius Loci der Bäderstadt


Hotels sind der perfekte Ort für kleine Lügen. Im Sommer 1981 arbeitete für drei Wochen in Venedig ein eher spezielles Zimmermädchen. Anstatt Betten zu machen, Papierkörbe zu leeren, Badewannen zu scheuern, kippte Sophie Calle den Inhalt der Taschen und Koffer der Gäste aus, fand Schwangerschaftstests im Abfalleimer und las die Urlaubspost. Eine Mrs. John D. aus Boulder, Colorado, schrieb von ihrer Europatour Freunden vom immer gleichen Glitzern der Sonne auf dem Wasser. Nur, so der lakonische Kommentar der französischen Künstlerin: es regnete seit Tagen. Hotels leben vom komplexen Verhältnis von Nähe und Distanz. Das Personal muss alles sehen und zugleich diskret sein, der Gast darf als mehr scheinen als er ist oder seine kleinen und größeren Macken pflegen lassen.

Anders als das Kunstmuseum Thun, das zuletzt ebenfalls eine Ausstellung über Hotels zeigte, war die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden zwar selbst nie ein Grandhotel, sieht sich in der beschaulichen Bäderstadt aber von solchen umgeben. Die Themenschau „Room Service“ lädt daher auch ausdrücklich dazu ein, jenseits der Oos in Hotelfoyers Fotos von Cindy Sherman und die Sammlung des Zuozer Hotel Castell zu entdecken oder sich doch gleich in einen White Cube von einem Hotelzimmer für eine Nacht einzuquartieren und es mit Hilfe von Christian Jankowski einzurichten. Als Blaupause für diesen Parcours dient der Kunsthalle Hans Ulrich Obrists Ausstellung im Hotel Carlton Palace, wo er auf wenigen Quadratmetern 1993 Werke von Künstlern wie Fischli/Weiss, Gilbert & George, On Kawara und Félix Gonzáles-Torres zeigte. In Baden-Baden ist eine Dokumentation von „Hotel Carlton Place: Chambre 763“ zu sehen.

Die Ausstellung selbst gibt sich konventioneller und auch historischer als das Beiprogramm. Sie beginnt mit dem Aufkommen des Tourismus, in dessen Folge die ersten Grandhotels entstanden. Nicht nur das Reisen überhaupt, sondern auch die Blicke aus den Hotels prägten das, was man als bildwürdig erachtete. William Turner aquarellierte in seinem Skizzenbuch, John Constable schuf Ansichten vom Pier in Brighton. Und die Hotels, die sich nicht selten wie Perlen aneinander reihten, waren ein Sinnbild des soliden Luxus. Francis Frith gehörte zu den ersten Fotografen, der Hotelgebäude aufnahm und daraus ein Geschäftsmodell entwickelte. Seine Fotos verkaufte er nicht allein an die Hotels, sondern auch an Gäste, die hier logierten und den Daheimgebliebenen demonstrieren wollten, wie komfortabel sie untergekommen waren. Heute, so zeigt der erste Raum der Ausstellung, entstehen die wirklich großen Hotels in Asien, Andreas Gursky hat sie monumental ins Bild gesetzt. Kolonialhotels in Mozambique etwa sind – wie Guy Tillim dokumentiert – dem Verfall preisgegeben. Längst hat die Bevölkerung sie erobert und lebt so gut es geht in den Ruinen.

Dass die Verbindung zwischen Hoteliers und Künstlern für beide Seiten von Vorteil sein konnte, deutete sich Ende des 19. Jahrhunderts an, als Künstler die dänische Küste für sich entdeckten. Sie ließen sich im Brøndum Hotel nieder, man vermittelte ihnen Modelle, eine hoteleigene Sammlung entstand, die im Speisesaal gezeigt wurde und heute in das Skagens Museum übergegangen ist. Bald folgten die Touristen, welche die pittoreske Landschaft selbst erleben wollten und zugleich die Nähe der Künstler suchten. Kurz: die Gegend boomte. „Room Service“ versucht auch einen Blick hinter den schönen Schein und entdeckt mit Chaïm Soutine und August Sander das Personal, das für den geräuschlosen Betrieb verantwortlich war. Man steht weniger Felix Krull-Existenzen als hart arbeitenden Menschen gegenüber. In Diane Arbus’ Fotografien wird deutlich, dass Hotels allenfalls eine Heimat auf Zeit bieten können. In den 1970er Jahren porträtierte sie Artisten, die für Freakshows arbeiteten: Menschen in Hotels, die von großer Einsamkeit umgeben sind. 1996 baute Thomas Demand das Hotelzimmer nach, in dem L. Ron Hubbard gut 30 Jahre zuvor Science-Fiction-Romane schrieb. Dem Gründer von Scientology erlaubte die Anonymität seiner Unterkunft eine Parallelwelt. Indem Demand sie in Papier und Pappe rekonstruierte, wird sie in ihrer ganzen Künstlichkeit sichtbar.

 

Room Service.

Staatliche Kunsthalle Baden-Baden

Lichtentaler Allee 8a, Baden-Baden.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr. Hotelparcours Dienstag bis

Sonntag 12.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 22. Juni 2014.




Staatliche Kunsthalle Baden-Baden