21/05/14

Schöne neue Welt

Die Ausstellung Playtime im Münchner Lenbachhaus wirft einen kritischen Blick auf unsere Arbeitsbedingungen

von Roberta De Righi
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Mladen Stilinović, Artist at work, 1978, Courtesy Mladen Stilinović

Die Ausstellung „Playtime“ im Münchner Lenbachhaus wirft einen kritischen Blick auf unsere Arbeitsbedingungen

Herrliche Zeiten? Computer und Roboter nehmen dem Menschen immer noch mehr Tätigkeiten ab, viel „Zeit zum Spielen“ springt aber oft nicht heraus. Im Gegenteil: Die einen kennen keinen Feierabend, die anderen quälen sich in täglich neuen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Aber was gilt gemeinhin als „Arbeit“? Die Abwesenheit von Spaß oder das Gegenteil von Nichtstun, geht es ums Geldverdienen oder um Selbstverwirklichung? Die Ausstellung „Playtime“ im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses setzt sich mit einem Thema auseinander, das alle angeht, aber im Kern schwer zu definieren ist. Im Fokus stehen dabei Arbeitsbedingungen, wie sie in demokratischen, kapitalistischen Systemen vorherrschen.

Benannt wurde die absolut sehenswerte Schau nach Jacques Tatis’ gleichnamigem Film von 1967 und inspiriert von seiner noch immer aktuellen Kritik an der Moderne. Und die Schau setzt als erstes Projekt des neuen Direktors Matthias Mühling Zeichen: Neben Altmeistern wie Jörg Immendorff (1945-2007) und Dieter Roth (1930-1998) gibt es viele junge Künstler sowie eine hohe Anzahl von Künstlerinnen – zudem werden Musik-Videos in den Kunstkanon aufgenommen: Donna Summers Disco-Hit „She Works Hard for the Money – so you better treat her right“ von 1983 und die Anti-Thatcherismus-Hymne „Opportunities – Let’s Make lots of Money“ (1985) der Pet Shop Boys.

Filme nehmen in der von Katrin Dillkofer und Elisabeth Giers kuratierten Präsentation ebenfalls einen großen Part ein: Da sind neben Tati natürlich Chaplins „Moderne Zeiten” von 1936, die den Fließband-Taylorismus zur Entstehungszeit parodieren und ad absurdum führen; Ali Kazmas (*1971) Beobachtungen in einer Automobilfabrik führen dann Automatik-Effizienz von 2012 vor. Und immer noch großartig ist Christoph Schlingensiefs (1960-2010) „Chance 2000“-Idee von 1998, mit sechs Millionen Arbeitslosen in den Wolfgangsee zu springen, damit der über die Ufer bis in den Ferien-Bungalow des damaligen Kanzlers Helmut Kohl schwappt.

Aber was kostet die Seele? Arbeit dient hier und heute nicht allein dem Broterwerb, sondern ist Grundvoraussetzung für gesellschaftliche Akzeptanz. Harun Farockis (*1944) Dokumentation eines Bewerbungs-Workshops (1997) bietet Einblicke in eine zielorientiert vereinfachte Motivationspsychologie und Leistungs-Ideologie. Und ab wann ist der Lohn Schmerzensgeld? „Playtime“ ist vielschichtig und breit gefächert, der Erwerbstätige schillert zwischen „Humankapital“ und vermeintlich selbst bestimmtem „Kreativen“.

Aber Arbeit ist auch härteste Währung einer Gesellschaft, die den kategorischen Imperativ der Selbstoptimierung verinnerlicht hat, „Flexibilität“, „Kreativität“, „Eigenverantwortlichkeit“ und die totale Identifikation mit der Arbeit machen den Künstler zum Musterschüler des Neoliberalismus. Fischli & Weiss (Peter Fischli *1952/David Weiss 1946-2012) haben sich darum auch hochmotiviert „Zehn Gebote für besseres Arbeiten“ überlegt und Peter Piller (*1968) hielt Szenen aus seinem Nebenjob bei einer Medienagentur fest, ohne den er sich seine Kunstproduktion lange nicht hätte leisten können. Mladen Stilinovic (*1947) hingegen hatte schon 1978 im damaligen Jugoslawien schöpferisches Schaffen doppeldeutig als Verweigerung und notwendige Traum-Aktivität interpretiert: Er ließ sich beim Schlafen fotografieren.

Die Ausstellung bietet aber auch viel Raum für die Gender-Perspektive: Das „Berwick Street Collective“ begleitete Anfang der 70er Jahre nächtliche Putzkolonnen – vorwiegend Frauen – durch Londons kalte Bürolandschaften und deckte krasse Arbeitsbedingungen auf. Martha Rosler (*1943) führte 1975 mit wütendem Sarkasmus in „Semiotics of the Kitchen” Haushaltsgeräte als typisches Frauen-Werkzeug vor. Am weitesten aber ging Andrea Fraser (*1965), bei ihr ist der Kunstmarkt reine Prostitution: Sie verkaufte einem Sammler Sex im Hotel, das Video 1/5 bekam der Sammler.

Die Ausstellung „Playtime“ ist eine kritische Zustandbeschreibung einer totalitären Arbeitswelt, in der bittere Wahrheiten oft unterhaltsam auf den Punkt gebracht werden. „Empört Euch“, ruft sie nicht, aber: „Denkt endlich nach!“  

 

Playtime.

Kunstbau Lenbachhaus

Luisenstr. 33, München.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Dienstag 10.00 bis 21.00 Uhr.

Bis 29. Juni 2014.

Der Katalog zur Ausstellung erscheint erstmals als kostenloses E-Book. Download unter

 

 





Kunstbau Lenbachhaus
Das Lenbachhaus ruft zudem zur Blogparade über das Thema Arbeit auf. Weitere Informationen finden Sie hier.