19/05/14

Ein Oktopus geht auf Reisen

Eine Werkschau von Shimabuku erzählt in der Kunsthalle Bern von der Neugier auf die Welt und Begegnungen mit dem Fremden

von Alice Henkes
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Shimabuku, Fish & Chips, 2006, Videostill, Courtesy the artist

Eine Werkschau von Shimabuku erzählt in der Kunsthalle Bern von der Neugier auf die Welt und Begegnungen mit dem Fremden

Tintenfische gelten in Japan als Delikatesse. Der Krake, der dem japanischen Künstler Shimabuku in dem Video „Then, I Decided to Give a Tour of Tokyo to the Octopus from Akashi“ ins Netz geht, hat allerdings Glück. Auf ihn wartet nicht der Kochtopf, sondern eine Reise nach Tokio. Per Zug machen sich Shimabuku und sein Fang auf die über 500 Kilometer lange Fahrt. Der Tintenfisch tummelt sich in einem transparenten Plastiksack, den Shimabuku immer wieder fürsorglich vor das Zugfenster hält, damit sein vielarmiger Reisekumpan die Landschaft bewundern kann. Kraken gelten als sehr intelligente Tiere, die auf Farbreize reagieren.

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Shimabuku, Then, I decided to give a tour of Tokyo to the Octopus from Akashi, 2000, Videostill, Courtesy the artist

Ob der Oktopus die Reise geniesst, bleibt offen. Die Menschen, denen das seltsame Reisegespann begegnet, haben eindeutig ihren Spass. Immer wieder entspinnen sich kleine Dialoge mit Passanten, die nach dem Wohlbefinden des Kraken fragen oder über seinen Wohlgeschmack mutmassen. In Tokio besuchen Shimabuku und der Tintenfisch den Fischmarkt, treffen Händler und Köche. Schliesslich reist das Duo wieder an die Bucht von Akashi, und der Krake darf zurück ins Meer.

Shimabukus Video hat etwas Kindliches. Von der lustigen Reise eines Tintenfischs und seines zweibeinigen Gefährten könnte auch ein verspielter Animationsfilm oder ein verträumtes Bilderbuch erzählen. Es ist vor allem die vorsätzliche, aber keineswegs planlose Naivität, mit der Shimabuku agiert, die an ein heiteres Lernstück erinnert. Wenn der Künstler und der Krake die Welt des Fischmarktes entdecken, trägt das eindeutig Züge des Schelmenromans, in dem der vermeintliche Narr in der Regel nur dazu dient, die Narrheiten seiner Umwelt zu spiegeln.

Shimabuku, 1969 in Kobe geboren und heute in Berlin lebend, arbeitet viel im Grenzbereich zwischen Video, Foto, Text, Performance. Die Berner Ausstellung, vom Direktor der Kunsthalle, Fabrice Stroun, und Tenzing Barshee eingerichtet, präsentiert den japanischen Künstler erstmals in einer umfangreichen Soloschau in einer Schweizer Institution und gibt einen Überblick über das Schaffen des Künstlers von den frühen 1990er-Jahren bis zur Gegenwart.

Vielfach ist in Shimabukus Arbeiten die Begegnung mit anderen das eigentliche Ereignis. Sei es, dass er sich in der Londoner U-Bahn eine Augenbraue abrasiert, um auf diesem Weg zahlreiche Blicke und Gespräche mit Fremden anzuziehen. Sei es, dass er am Strand bei Barcelona einen Drachen steigen lässt, der den Künstler selbst als Motiv zeigt und der, nicht nur von Kindern ausgiebig bestaunt, ein wunderbar luftiges Vehikel leichter Gesprächsanbahnung ist. Die Videos oder Fotos, oft von Texten begleitet, geben dabei naturgemäss nur einen Ausschnitt oder eine Andeutung dessen wieder, was dem Künstler in Ausübung der Performance oder der Aktion an Kommentaren, Begegnungen, Gesten und Gesprächen widerfahren ist.

Das gilt in besonderem Masse für eine Reihe von Arbeiten im Untergeschoss, die sich alle mit dem Motiv des Oktopus beschäftigen und die zum Teil nur aus Texten bestehen. Einer dieser kurzen Texte berichtet zum Beispiel davon, wie Shimabuku 1990 als Student in San Francisco lebte und eine Oktopus-Ausstellung in seinem Kühlschrank veranstaltete: Er legte einen Kraken in den Kühlschrank und lud Freunde ein, denen er den Tintenfisch präsentierte. Sein Mitbewohner, ein Student aus Kentucky, fand den Kraken ziemlich eklig.

Vermutlich ist der junge Mann mit diesem Abscheu nicht allein. Mit ihren vielen Armen und ihrer ungewöhnlichen Körperform wirken Kraken äusserst fremdartig. Fabrice Stroun vergleicht das clevere Meerestier mit einem Ausserirdischen. Tatsächlich nimmt der Oktopus im Werk Shimabukus die Stellung eines Wesens aus einer fremden Welt ein, das sich auf der Erde umsieht, um über die Menschen ins Staunen zu geraten. Und um sie staunen zu machen. Das gelingt auch der Ausstellung, die wie eine kleine Welt der Wunder wirkt, in der Kraken nicht das einzige, aber doch ein gewichtiges Thema sind. Interessiert Shimabuku sich besonders für Tiere? Der Künstler verneint und lächelt: „Ich interessiere mich für alles“.         

 

Shimabuku: Flying Me.

Kunsthalle Bern

Helvetiaplatz 1, Bern.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 25. Mai 2014.

 




Kunsthalle Bern