12/11/12

Gesamtkunstwerk auf doppeltem Boden

Mit seiner ersten großen Einzelausstellung stellt der junge Künstler Benedikt Hipp das Kunstpalais Erlangen auf den Kopf.

von Friedrich J. Bröder
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Mit seiner ersten großen Einzelausstellung stellt der junge Künstler Benedikt Hipp das Kunstpalais Erlangen auf den Kopf.

Seine Bilder sind begehbar, greifen in den Raum aus so wie der Raum in sie eingreift und zu einem Teil der Architektur macht. In seiner Ausstellung stellt der Künstler Benedikt Hipp das Kunstpalais, das Kunstmuseum der Stadt Erlangen, auf den Kopf und führt die „Unwirklichkeit der geometrischen Architektur“ dem Besucher so drastisch vor Augen, dass ihm diese schier übergehen. Es ist die erste große Einzelausstellung des jungen, 1977 in München geborenen Künstlers, der erst in Nürnberg, dann in München die Akademie besuchte und seither mit seinen Objekten, Installationen, vor allem aber mit seinen altmeisterlich gemalten Tafelbildern Aufsehen erregte.

Wie er jedoch seine klassisch anmutenden Gemälde, die er nach traditioneller Manier auf Holz aufbringt und mit Firnis überzieht, arrangiert und inszeniert, läuft das auf ein Gesamtkunstwerk hinaus: Kunst als Mysterium jenseits unserer Wirklichkeit, ein faszinierender moderner Surrealismus gleichsam, der Dalí und de Chirico, Max Ernst und Marcel Duchamp zu zitieren scheint und in die geheimnisvollen Welten der Träume und Alpträume, der Phantasmagorien und Imaginationen führt.

Zwar hängen seine Bilder ganz konventionell an den Wänden, präsentieren sich aber auf Podesten, Emporen und Altären, zu denen unbegehbare Treppen führen, die im Nichts des leeren Raumes enden. Hinter Portalen tun sich ominös anmutende Türen auf, die in finstere Kabinette gehen, wo an den Wänden Porträts aus dem Dunkel leuchten, die auf schwarzem Untergrund hintergründig den Abgrund suggerieren. Aber diese Antlitze, diese Masken und Larven sind gesichtslos, diese rätselhaften Gesichter sind Gesichte, hinter denen das Grauen schlummert.

Benedikt Hipp zelebriert seine Kunst auf buchstäblich doppeltem Boden, wenn er Decken abhängt, Fenster einhaust und Glasscheiben in opakem Milchweiß zu leeren Augen macht. Auf hohen Stelen, in Nischen und Vitrinen präsentieren sich Skulpturen und Objekte, die als zufällige Fundstücke, als objets trouvés, eine fragmentierte, zerstörte und nie wieder gefundene oder gar herstellbare Realität repräsentieren.

Die Wiederherstellung einer vergangenen, einer untergegangenen Wirklichkeit führt dann im Souterrain, also buchstäblich unter der Erde die raumgreifende Installation „Sunk“ vor Augen, ein beeindruckendes Ambiente, das den Besucher mitten hinein in die Trümmer eines versunkenen Schiffes, das auf dem Meeresboden liegt, leitet: die raumgreifende, gleichsam titanische Skulptur, die – wohl nicht zufällig genau 100 Jahre nach dem Untergang der „Titanic“ entstand – versetzt mit wild durcheinander liegenden Ölfässern, mit herabhängenden Ketten und Tauen, mit Knochen, Schuhen, Kleidern und Lumpen, mit Möbeln in eine klaustrophobische und zugleich narrative Situation, scheint sie doch eine Geschichte zu erzählen, die der Betrachter in seiner ausufernden Phantasie zum Schreckbildnis eines grauenhaften Unglücks anreichert.

Und erst in den dunklen Gewölben des Untergeschosses des Kunstpalais erfüllt sich merkwürdigerweise die Verheißung, die der Ausstellung ihren Titel gibt: „Luxstätt“, die „Lichtstatt“, endet im gleißenden Licht vertikaler, zum Triptychon arrangierter Neonröhren, die wie eine Epiphanie die Auferstehung der Kunst aus dem Düster des Lebens feiern – und sich zugleich wie eine Hommage an Dan Flavin ausnehmen. „Luxstätt“ ist die beeindruckende, zugleich bedrückende Ausstellung eines jungen Künstlers, der mit seinen enigmatischen Bilderwelten zu neuen, vielversprechenden Ufern aufbricht.

Benedikt Hipp: Luxstätt.
Kunstpalais Erlangen

Marktplatz 1, Erlangen.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 18. November 2012.
Kunstpalais Erlangen