06/05/14

Atemloser Witz am Rand der Melancholie

David Weiss hat nicht nur mit Peter Fischli, sondern auch allein bemerkenswerte Werke geschaffen. Nun sind sie in Chur zu sehen

von Konrad Tobler
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David Weiss, o.T., undatiert, © The Estate of David Weiss

David Weiss hat nicht nur mit Peter Fischli, sondern auch allein bemerkenswerte Werke geschaffen. Nun sind sie in Chur zu sehen

Einfallsreichtum, Subtilität, Neugierde und: Melancholie. So lässt sich das Werk umschreiben, das der Zürcher Künstler David Weiss (1946–2012) schuf, bevor er Anfang der 80er-Jahre mit Peter Fischli das international berühmte Künstlerduo Fischli/Weiss bildete, dessen Werk ebenfalls von Einfallsreichtum, Subtilität und Neugierde bestimmt ist. Freilich ist das eine schlagwortartige Reduktion.

Das Einzelwerk von Weiss, entstanden zwischen 1968 und 1979, ist bisher nur wenigen bekannt, und er selbst hat sich während Jahren überhaupt nicht mehr darum gekümmert. Nun ist es im Kunstmuseum Chur zu sehen; freilich nicht als Gedenkausstellung, denn Direktor Stephan Kunz hatte mit Weiss schon lange über eine solche Ausstellung diskutiert. Weiss selbst hat sich noch bis kurz vor seinem Tod damit beschäftigt und auch die Herausgabe der exquisiten neun Künstlerbücher in der Edition Patrick Frey vorbereitet.

Weiss begann seine Künstlerlaufbahn in einer unruhigen Zeit. 1968, Globuskrawalle, Wohngemeinschaften, das Private ist politisch, Turbulenzen in der Kunstgewerbeschule Zürich, Gründung der F+F Kunstschule, Reisen in die USA, nach Kuba, nach Nordafrika. Ob er nach dem Besuch der Kunstgewerbeschule in Basel bildender Künstler werden wollte, war völlig offen. Aber, das zeigen die ersten ausgestellten Zeichnungen: Er war doch durch und durch Künstler, der sich mit aktuellen Strömungen auseinandersetzte, mit Pop-Art und Konzeptkunst, Teil des künstlerischen Aufbruchs jener Zeit. Noch heute wirkt das frisch. Ob mit wenigen Pinselspuren oder Federstrichen, ob figürlich oder grossformatig geometrisch: Da ist eine Hand zu sehen, die absolut souverän ist, ein Auge, das die Komposition mit einer traumwandlerischen Sicherheit trifft oder eben genau richtig aus dem Lot hebt. Die Aquarelle sind vom Feinsten, die Kindergartentechnik der Neocolorkreiden ist virtuos ausgelotet. Es entsteht eine dunkle und zugleich farbenfrohe Welt, und Weiss holt da nicht nur ein miniaturhaftes Selbstporträt hervor, sondern nächtliche Barszenerien oder galaktisch-psychedelische Welten.

Bei aller Subtilität hat dieses Werk auch etwas Atemloses, dann wieder wirkt es wie ein Flanieren. Comicartiges ist ebenso zu sehen, wie fast Altmeisterliches. Weiss schafft überall Bezüge, zitiert, revidiert: Francisco de Goya, Ernst Ludwig Kirchner, Wilhelm Busch, Alberto Giacometti, Ernst Kreidolf und Markus Raetz. Dutzende von Blättern hat Weiss mit Metamorphosen gefüllt, führt „Wandlungen“ vor, frappierend in den unerwarteten Wendungen. Denn es sind nicht formalistische Spielereien, vielmehr Einfälle, die zwar aus Formen, jedoch auch assoziativ aus den Details eines Sujets die Geschichte weitertreiben. Hier ist sie wieder: die Atemlosigkeit, die sich mit Beharrlichkeit verbindet, mit der Lust am Zeichnen, dem Witz, der leicht in Melancholie umschlägt. Nichts ist gewiss. Das Dunkle lässt sich nicht übersehen, die Faszination der Nacht, die Flüchtigkeit der Dinge, das Abtauchen.

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David Weiss, o.T., um 1978, © The Estate of David Weiss
Kein Zufall, dass Weiss zu den begeisterten Robert-Walser-Lesern gehört: „der reinste aller Schweizer Poeten. Er hatte uns Künstlern vorgelebt, dass man als armer Aussenseiter existieren und doch Bedeutsames leisten kann. Er gab das Modell ab für den aussenstehenden Beobachter. Doch seine dienerhafte, sich unterordnende Haltung ist mir dann zunehmend auf den Wecker gegangen.“ Neben Walser-Gedanken ist viel anderes aus Weiss’ Frühwerk später indirekt in das gemeinsame Werk mit Peter Fischli eingegangen. So auch ein kleines Schriftbild, auf dem alle Laster weiss auf schwarz aufgeschrieben sind. Immer ein leichtes Augenzwinkern. Und zugleich ein philosophisch-anarchischer Ernst, der nur scheinbar naiv daherkommt. Dies hat sich niedergeschlagen in der Installation „Fragen Projektion“, in der mehrere Hundert Fragen gestellt werden, die sich eigentlich nicht beantworten lassen: „Findet mich das Glück? Verbummle ich mein Leben? Ist Hunger ein Gefühl? Steht der Wahnsinn vor der Tür?“  

 

David Weiss: Werke 1968–1979.

Bündner Kunstmuseum

Postplatz 1, Chur.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr. Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr. Bis 18. Mai 2014.

(Dieser Text erschien zuerst im Tagesanzeiger, 11. März 2014, S. 27.)




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