05/05/14

Bertram Weisshaar

Der Promenadologe sucht statt Sehens- lieber Denkwürdigkeiten

von Annette Hoffmann
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Rue de Bâle, Hégénheim, Foto: Daniel Brefin, Verein Raumforschung

Der Promenadologe sucht statt Sehens- lieber Denkwürdigkeiten

Wenn Bertram Weisshaar seinen Beruf nennt, kann er sich auf etwas gefasst machen. Promenadologe! Andere legen Fliesen oder schneiden ihren Mitmenschen das Haar, er geht spazieren. Ob sich der 1962 geborene Weisshaar wohl an den Hohn und die Herablassung gewöhnt hat, mit der Unbekannte seine Tätigkeit kommentieren? Und wieviel Neid wird darin mitschwingen, weiß doch jeder, wie sehr Gehen den Kopf befreit. Tatsächlich sind die Promenadologie und ihr Begründer Lucius Burckhardt derzeit in aller Munde. Das Berliner Kollektiv Raumlabor nutzt den Spaziergang als Mittel, um urbane Räume wahrzunehmen, eine Reihe von Neuerscheinungen beleuchtet die Methode und auch Adam Szymczyk, künstlerischer Leiter der documenta 14, schätzt die Spaziergangswissenschaft, um – so erzählte er in einem Interview mit der „Zeit“-, „den gesetzten Rahmen zu entkommen und sich selber zu verlieren“. In Kassel die Promenadologie zu praktizieren, hieße jedoch Eulen nach Athen zu tragen, schließlich wirkte der Schweizer Soziologie Lucius Burckhardt ab 1973 an der Gesamthochschule Kassel. Dort kam auch Bertram Weisshaar mit der Kunst des Spazierens in Berührung, nachdem er eine Ausbildung als Fotograf gemacht hatte.

 

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Bertram Weisshaar, Foto: privat

Spaziergänge mit Bertram Weisshaar führen nicht zu den pittoresken Ansichten einer Gegend, eher zu den Denk- und Merkwürdigkeiten, die im Alltag nicht weiter auffallen. Weisshaars erste Spaziergänge hatten in den 1990er Jahren den Braunkohletageabbau in Ostdeutschland zum Ziel. 2004 lief er zu Fuß von Leipzig nach Köln, immer auf der Suche nach dem Taschentuchbaum, er reiste mit dem Überlandbus durch halb Europa. Im Rahmen von Triptic. Kulturaustausch am Oberrhein wird er bei „Weg. Das trinationale Festival des Spazierens“ zu einer kleinen Wanderung ausgehend vom Flughafen Basel-Mulhouse-Freiburg durch das Dreiländereck einladen. Es werde alles andere als ein „gutbürgerlicher Sonntagsspaziergang“, hat Weisshaar, der selbst in Leipzig lebt, versprochen. Und man sollte Zeit mitbringen, denn die Spaziergangswissenschaft sucht nicht die schnellste Verbindung von A nach B, sondern Erkenntnis, bei der Kopf und Körper einmal nicht getrennte Wege gehen. Das Spazieren ist Tätigkeit und zugleich Methode zur Untersuchung von Raum. Die Promenadologie, wie Weisshaar sie versteht, will die ästhetischen Wahrnehmungsmuster durchkreuzen, Neues entdecken, macht aber auch auf Fehler der Stadtplanung aufmerksam. Wie wir Landschaft und was wir überhaupt als solche ansehen, hat mit Klischees zu tun. Denn, so Lucius Burckhardt in seinem Essay „Warum ist Landschaft schön?“ im Jahr 1979: „In der Umwelt eine Landschaft zu erblicken, ist eine schöpferische Tat unseres Gehirns, hervorgebracht durch bestimmte Ausklammerungen und Filterungen, aber auch integrativer Tätigkeiten des Zusammensehens, die das Ergebnis einer vorausgegangenen Erziehung sind“. Ihre Vorläufer hat die Spaziergangswissenschaft in dem Flaneur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, dessen Theorie Walter Benjamin in seinem Passagenwerk verfasst hat, aber in der Situationistische Internationale um Guy Debord. Nur, die Promenadologen sind stiller, eher sacht Verändernde. Wer sich aber seinen Lebensraum erläuft, wird ihn in einem zweiten Schritt auch gestalten wollen.      

Weg – Trinationales Festival des Spazierens.

9. bis 11. Mai 2014.

Bertram Weisshaar (Hg.): Spaziergangswissenschaft in Praxis,

Jovis Verlag, Berlin 2013, 288 S., 38 Euro | 55 Franken.

 




Trinationales Festival des Spazierens