29/04/14

Modellcharakter

Die Ausstellung „Perpetually Transient“ zeigen ein sich veränderndes Bild der Wirklichkeit

von Annette Hoffmann
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Basim Magdy, A 240 second analysis of failure and hopefulness, (With Coke, Vinegar and Other Tear Gas Remedies), 2012, Courtesy Hunt Kastner, Prague

Die Ausstellung Perpetually Transient“ zeigen ein sich veränderndes Bild der Wirklichkeit

Die Liste der Patente ist beachtlich. An die 40 seiner Erfindungen sollen Carl E. Akeley patentiert worden sein. Dabei führte er das Leben eines Abenteurers. Der deutsch-taiwanesische Künstler Bernd Behr (*1976) hat um die legendäre Figur des Großwildjägers ein ganzes Werkensemble konstruiert, das nun in der Ausstellung „Perpetually Transient“ im Kunst Raum Riehen zu sehen ist. Und ein wenig spiegelt das Ensemble wider, wie die zentrale Arbeit „Akeley in the Elephant Skull“ aufgebaut ist. Um die Projektion dieses 35mm-Films hat Behr einige historische und auch neuere, eigene Fotos angeordnet. Auf einem ist Akeley bei der Arbeit an einem Elefantenmodell zu erkennen. Akeley beobachtete und erlegte nicht nur Tiere, er baute sie auch für Dioramen nach, die in Museen Natur repräsentierten. Als erster entwickelte Akeley das taxidermische Verfahren, in dessen Folge er den Spritzbeton erfand. Behr spielt auf all das an, zeigt die rückseitigen Konstruktionen von Dioramen, eine Aufnahme von Akeleys Motion Picture Camera von Paul Strand, für die der amerikanische Erfinder ebenfalls ein Patent erhielt und er dokumentiert die Arbeitsweise von Spritzbetonrobotern, die große Oberflächen mit Beton überziehen können. In „Akeley in the Elephant Skull“ hingegen sieht man in der Ästhetik eines Computerspiels, wie eine derartige Düse von innen her den Schädel eines Elefanten aufbaut, während man doch gerade im Ohr das anachronistische Knattern des 35mm-Projektors hat. Diese merkwürdige Dialektik einer sich selbst manifestierenden Wirklichkeit, die das Verhältnis von Ursache und Wirkung außer Kraft setzt, findet man in einigen Arbeiten der Ausstellung „Perpetually Transient wieder.

Florian Graf (*1980) ist niemand, von dem hier Klärung zu erwarten wäre. Graf hat nicht nur den Innenhof der Kunstinstitution in eine archäologischen Schauplatz verwandelt, in dem er an Säulen des historischen Gebäudes Maß nahm, sie reproduzierte und wie bei einem Mikadospiel auf dem Boden verteilte, er erweitert auch in seinen Fotoarbeiten die Wirklichkeit. Indem er einem Gebäude am Computer merkwürdige Aufbauten aufsetzt, in einer Raumecke den Buchstaben F entdeckt und in einem spießigen Foyer einen Baumpilz schweben lässt. In einer Vitrine gegenüber kann man einen Einblick in die Skizzenbücher des Künstlers nehmen. Neben Zeichnungen und Notizen sind es unter anderem Exzerpte über das Kunstprinzip des Capriccios, das durchaus fruchtbar sein kann, um sich den Arbeiten des Schweizers anzunähern. Geht es Florian Graf doch um eine Erweiterung des Sichtbaren und nicht grundlos setzen sich die Worte auf den Buchrücken eines Stapels zu dem Satz zusammen: „hope that you come with me to step by step visit the future“. Anahita Razmi wiederum, 1981 in Hamburg als Tochter einer Deutschen und eines Iraners geboren, hat in ihrer Videoarbeit „A Tale of Tehrangeles“ die beiden Städte Teheran und Los Angeles miteinander verschmolzen. In der Doppelprojektion lösen sich Szenen vor Supermärkten, von Jugendlichen am Strand, Menschen, die an Gaststätten Pause machen, voneinander ab. Sieht man verschleierte Frauen, fällt die Zuordnung anscheinend leicht, doch dann stellt sich Unbehagen ein: kann das Teheran sein, dies Los Angeles und warum soll es denn in Los Angeles keine verschleierten Frauen geben? Schließlich heißt ein Stadtteil, in dem die größte iranische Gemeinschaft außerhalb Irans lebt, ganz offiziell „Tehrangeles“. Aus der Ambivalenz entsteht ein politischer Unterton. Stärker noch tritt er in ihrem Video „White Wall Tehran“ zutage, das entstand als sie 2007 von Revolutionsgarden beim Filmen auf der Straße aufgegriffen und auf die Wache gebracht wurde, wo einer der Männer ihr Filmmaterial löschte, indem er die weiße Wand aufnahm. Das Nicht-Sichtbare wird so zu einem stummen Protest.

Der ägyptisch-schweizerische Künstler Basim Magdy (*1978) verbirgt ebenfalls hinter der Oberfläche der Bilder eine politische Aussage. Magdy hat Aufnahmen vom Abbruch und Neuaufbau der Basler Messe nachträglich mit Cola, Essig und „anderen Hilfsmitteln gegen Tränengas“ behandelt. Die Bilder seiner Doppelprojektion „A 240 second analysis of failure and hopefulness (With Coke, Vinegar and Other Tear Gas Remedies“ aus dem Jahr 2012 verändern die Farbe und zersetzen sich, sie werden so zu einem Sinnbild für das Verhältnis von Revolution und Restauration.

 

Perpetually Transient

Kunst Raum Riehen

Basel Str. 71, Riehen.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 13.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 4. Mai 2014.

Am 29. April 2014, 19.00 Uhr findet ein Gespräch mit Florian Graf statt, es moderiert Samuel Leuenberger.

 




Kunstraum Riehen