29/04/14

Selbstauskunft der Bilder

Eine Ausstellung in Heidelberg stellt Strategien des Zeigens und Erzählens im Grenzgebiet von Malerei, Text und Film vor

von Julia Neuert
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Bertold Mathes: o.T. (Studie-15), 2010

Eine Ausstellung in Heidelberg stellt Strategien des Zeigens und Erzählens im Grenzgebiet von Malerei, Text und Film vor

Auf den ersten Blick verbindet sie tatsächlich kaum etwas, die Arbeiten von Etel Adnan, Harun Farocki, Stefan Hayn, Bertold Mathes, Michaela Melián und Sarah Schumann, die derzeit im Heidelberger Kunstverein zu sehen sind. Ein gemeinsames Thema scheint es nicht zu geben, sie nutzen alle unterschiedliche Formen, greifen auf verschiedene Stilmittel zurück. Doch der erste Eindruck täuscht. „Was wir zeigen wollen“ lautet der programmatische Titel der Ausstellung, der das verbindende Element der gezeigten Arbeiten benennt. Die beteiligten Künstler setzen sich in ihren Werken kontinuierlich mit den Möglichkeiten der von ihnen gewählten bildnerischen Mittel auseinander – in der Zusammenschau entsteht so eine spannende Reflektion über die Sprache der Malerei zwischen Text und Film.   

Auf der Empore des Kunstvereins ist eine kleine Retrospektive des 1965 in Rothenburg ob der Tauber geborenen Malers und Filmemachers Stefan Hayn zu sehen. Von den dynamischen, sozialkritischen Pflegeheimzeichnungen, die Ende der 1980er Jahre entstanden, bis hin zu den jüngsten, abstrakten Gemälden und Versuchsanordnungen, reproduziert Hayn seine Werke im Film. Der Kinofilm „Malerei heute“ etwa, entstanden zwischen 1998 und 2005 und im Rahmen der Ausstellung zu sehen, basiert auf einer Reihe von Pleinair-Aquarellen, in denen der Künstler die Wandlung des Sozialstaats auf Werbe- und Wahlplakaten in der Berliner Stadtlandschaft zwischen 1998 und 2004 hinterfragt. Die Arbeiten entstanden als eigene Werkkomplexe in einem mehrjährigen, offenen malerischen Prozess. Sein jüngster Film „Straub“ (2006-2014), eine essayistische Auseinandersetzung mit dem radikalen Werk des französischen Filmemacher-Paares Jean-Marie Straub und Danièle Huillet, wird zur Finissage der Ausstellung im Karlstorkino gezeigt.

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Stefan Hayn, 2003, im Film „Malerei heute“ (1998-2005) 

Eine gesellschaftskritische, künstlerisch provozierende Botschaft tritt dem Betrachter aus den Collagen von Sarah Schumann entgegen, die verschiedene Cover für die Zeitschriften „Courage“ oder „Frauen und Film“ gestaltete. Neben den ausdruckstarken, abstrakten Gemälden der 1933 in Berlin geborenen Künstlerin, bildet ihr Werk „Silvia“ – eine Liebeserklärung an ihre Lebensgefährtin, die Publizistin Silvia Bovenschen – das Bindeglied zu den Video-Installationen von Michaela Melián (*1956) und Harun Farocki (*1944). Mit dem bereits 1978 entstandenen Beitrag „Ein Bild von Sarah Schumann“ dokumentiert Farocki die Entstehung eines ihrer figurativen Gemälde sowie die von ihr entwickelte Collagetechnik, die Malerei und Fotografie in die Arbeiten einfließen lässt. Melián lässt die beiden Frauen in ihrer Audio-Video-Installation „Silvia Bovenschen und Sarah Schumann“ (2012) unter einem Ölgemälde Schumanns über die Ausstellung „Künstlerinnen international 1877–1977“ sprechen. Beide hatten maßgeblich an dieser bahnbrechenden Überblicksschau mitgewirkt,  die 1977 in Berlin eine heftige Kontroverse über Kunst und Feminismus auslöste.

Die Werke der libanesischen Lyrikerin und Malerin Etel Adnan (*1925), die in Heidelberg zu sehen sind, entstanden hingegen aus dem Nachdenken über Kunst in Abgrenzung zum Text, während Bertold Mathes (*1957) seine malerische Praxis in systematischer Stringenz entwickelt. Sowohl die „Register“-Blätter als auch seine „Transfer“-Arbeiten zeugen von seinem großen Interesse an der Erforschung des Vokabulars der Bildsprache. Indem seine Bilder ihre eigenen Voraussetzungen thematisieren, wird Abstraktion hier zur Erzählungsform einer konkreten Geschichte des Malens selbst. 

Was wir zeigen wollen.

Heidelberger Kunstverein

Hauptstr. 97, Heidelberg.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 12.00 bis 19.00 Uhr, Samstag bis Sonntag

11.00 bis 19.00 Uhr.

Bis 4. Mai 2014.

 

 

 

 

 





Heidelberger Kunstverein