28/04/14

Kalkulierte Paradoxie

Der amerikanische Künstler Jordan Baseman zeigt im Kunstverein Freiburg eine eindrückliche Soloschau

von Dietrich Roeschmann
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Jordan Baseman, The last walk, 2011, Installationsansicht "Nobody likes us but we don't care", Kunstverein Freiburg, 2014, Foto: Marc Doradzillo

Der amerikanische Künstler Jordan Baseman zeigt im Kunstverein Freiburg eine eindrückliche Soloschau

Die Kunst des Einbalsamierens besteht darin, Leichen so aussehen zu lassen, als würden sie friedlich schlafen, den Angehörigen durch diese Illusion aber zugleich die Evidenz ihres Todes vor Augen zu führen. Der aufgebahrte, hübsch hergerichtete Körper des Verstorbenen soll öffentlich Zeugnis ablegen vom Verlust all seiner Lebensfunktionen: Er ist eine kalte Hülle, gut für ein letztes gemeinsames Foto, mit dem die Trauer beginnnen kann.

Jordan Baseman hat seinen plötzlich verstorbenen Bruder nicht mehr sehen können vor dessen Beerdigung. Dieser missing link, sagt der amerikanische Künstler, sei mit ein Auslöser für seine Arbeit „Deadness“ gewesen, die er derzeit in seiner eindringlichen Soloschau im Kunstverein Freiburg zeigt. Mehrere Diaprojektoren werfen hier im Endlos-Loop rund 250 Aufnahmen von aufgebahrten Toten an die Wand, zu denen ein Bestatter über das Herrichten von Leichen erzählt wie ein Bildhauer über seine Arbeit. Es geht um Farbe, Form, Material und Tricks des Modellierens. Die Gleichzeitigkeit von Distanz und Nähe seines Berichts ist ebenso verstörend wie anrührend. Sie folgt einer kalkulierten Paradoxie, die exemplarisch ist für die Arbeitsweise des 53-Jährigen. Baseman erzählt in seinen Foto- und Filmarbeiten Geschichten, die auf den Erzählungen Dritter beruhen. Oft sind es einschneidende Erfahrungen von Krankheit und Tod, über die seine Interviewpartner berichten, und immer spielt ihre Zeugenschaft eine zentrale Rolle für das seltsame Eigenleben, das sie entwickeln, sobald der Abspann über den Videoscreen läuft. Zum abstrakten Flackern elektrischer Adventslichter klingt so aus dem Off die ungläubig staunende Stimme eines Mannes, der Zeuge einer Selbstverbrennung wurde („The Last Walk“), während ein in Ton und Text in den Raum projiziertes Audio-Protokoll einer Hinrichtung in den USA radikal die Banalität des Tötens als Akt bürokratischen Handelns vor Augen führt („July the 12th, 1984“). Packendes Kopfkino.  

Jordan Baseman, Nobody likes us but we don’t care.

Kunstverein Freiburg

Dreisamstr. 21, Freiburg.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 12.00 bis 18.00 Uhr. Mittwoch 12.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 4. Mai 2014.


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Kunstverein Freiburg