20/11/12

Wohnzimmer mit Akten

Die Kunsthalle Sankt Gallen überrascht mit einer Retrospektive der feministischen Malerin Sylvia Sleigh.

von Florian Weiland
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Die Kunsthalle Sankt Gallen überrascht mit einer Retrospektive der feministischen Malerin Sylvia Sleigh.

Den letzten Männerakt, der in der Ausstellung zu sehen ist, hat Sylvia Sleigh 2006 vollendet. Da war sie bereits über 90 Jahre alt. Ihren Themen ist sie bis zuletzt treu geblieben. Portraits und Akte bestimmen das Lebenswerk der 2010 verstorbenen Künstlerin. In der bislang umfassendsten Retrospektive der in Wales geborenen Malerin in der Kunst Halle Sankt Gallen finden sich vereinzelt auch Stillleben und Landschaften, doch haben sie es schwer, gegen die lebensnahen Portraits und aufreizenden Akte zu bestehen. Ihrem realistischen Stil ist Sleigh über die Jahre hinweg – und allen zeitgenössischen Moden in der Gegenwartskunst zum Trotz – mit beeindruckender Konsequenz treu geblieben. Mehr als 60 Jahre lang. Einzig modische Accessoires lassen einen Rückschluss auf die Entstehungszeit der Bilder zu. Die Portraits aus den 1960er und 70er Jahren erkennt man auf den ersten Blick.

„Max Warsh Seated Nude“, der eingangs erwähnte Männerakt, ist ein ganz typisches Gemälde im Werk von Sylvia Sleigh. Ihre Modelle fand Sleigh, die seit 1961 in den Vereinigten Staaten lebte, in Künstlerkreisen, unter Schriftstellern, Schauspielern, Musiker und Kollegen. Ein Faltblatt, das in der Ausstellung ausliegt, erklärt, wer auf den Bildern zu sehen ist. Etwa Max Warsh, Jahrgang 1980, ein in New York lebender Künstler, der mit Fotografie und Collage arbeitet. Selbstbewusst tragen Sleighs Modelle ihre Nacktheit zur Schau. Ihr Blick ist dagegen ausdruckslos und leer, als seien sie mit ihren Gedanken in ihrer eigenen Welt. Nur selten suchen die von Sleigh Portraitierten Augenkontakt mit dem Betrachter. Die Posen, die Sleigh für ihre Männerakte wählte, irritieren. Sleigh malt Männer in typischen Frauen-Haltungen, darunter ihren zweiten Mann, den bekannten Kurator Lawrence Alloway, wie er sich nackt auf der Couch räkelt. Auch eine Art, sich der Gender-Problematik zu widmen. Kühne Sinnlichkeit spricht aus den Bildern. Paul Rosano ist Sleighs bevorzugtes Modell. Wir finden ihn gleich dreimal in der Ausstellung. Eines der Bilder zeigt den Musiker als Verkündigungsengel Gabriel. Auch wenn das Bild fast kitschig süßlich wirkt, wünschte man sich, Sleigh hätte öfter solche Rollenportraits gemalt. Künstlerische Experimente wagt sie höchst selten. Und wenn, überzeugen sie nicht immer. Die großformatige Ägyptenserie ist fragwürdig. Interessant dagegen die in einer Vitrine präsentierte Serie mit gemalten Steinen.

Sylvia Sleigh engagierte sich schon früh für den Feminismus und trat für eine größere Anerkennung von Künstlerinnen in der amerikanischen Kunstszene ein. Doch erst in den letzten Jahren findet die Malerin vermehrt im Rahmen von Ausstellungen über feministische Kunst Berücksichtigung. In Europa ist Sleigh noch eher unbekannt, doch das dürfte sich ändern. Die posthume Retrospektive in der Kunsthalle ist die zweite Station einer Wanderausstellung, die in Zusammenarbeit mit Museen in Oslo und Bordeaux entstand und auch noch in London und Sevilla zu sehen sein wird. Der Clou dabei: Jede Präsentation soll einen ganz eigenen Charakter haben. Für St. Gallen, eine Stadt, die für ihre Textilproduktion bekannt ist, hat Martin Leuthold eine kongeniale Form der Inszenierung gefunden: Die Kunsthalle verwandelt sich in eine Art Innenraum, mit wunderbar auf das Werk der Künstlerin abgestimmtem Tapetendekor. Da passt es, dass viele Bilder im Wohnzimmer der Künstlerin entstanden.

Den meisten Gemälden gingen ausgiebige Portraitsitzungen voran. Mit penibler Genauigkeit malt Sleigh Details. Besondere Aufmerksamkeit schenkt sie den Haaren und den Textilien. Die Akte überraschen durch ihre sexuelle Freizügigkeit. Aber sind sie auch erotisch? Dazu wirken die Figuren zu steif und unbelebt, sind die Posen zu offensichtlich inszeniert. Doch gerade dieser offenkundige Widerspruch macht einen großen Teil ihrer Faszination aus.

Sylvia Sleigh.
Kunst Halle Sankt Gallen

Davidstr. 40, St. Gallen.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 2. Dezember 2012.
Kunst Halle Sankt Gallen