25/04/14

Läuterung am Endpunkt

Ein leerer Raum ohne Zukunft? David Maljkovic in der Lokremise St. Gallen

von Heidi Brunnschweiler
Thumbnail

malkovicdisplay.jpg

David Maljkovic, Display for Lost Pavilion, 213, Courtesy the artist and Metro Pictures New York

Ein leerer Raum ohne Zukunft? David Maljkovic in der Lokremise St. Gallen

David Maljkovic (*1973) hat in Interviews davon gesprochen, „den leeren Raum der Zukunft“ mit seinen Arbeiten zu schaffen. In der von ihm in der Lokremise eingerichteten Ausstellung wird dieser Werkzugang wörtlich genommen. Weiss und Leere beherrschen nicht nur die Ausstellungsarchitektur, sondern sind auch das dominierende Thema der wenigen Arbeiten. Ob die leeren Projektionsflächen tatsächlich Zukunftsimpulse auslösen, ist indes fragwürdig.

Im Eingangsbereich steht ein Diaprojektor skulptural und einsam auf einem weissen Ausstellungsdisplay und betont Maljkovics minimalistisches Formrepertoire. Permanent wird ein einziges Dia mit in der Mitte ausgepixelter weisser Fläche gezeigt. Im Hauptraum werden die Leerstellen von weissen, rechteckigen Bodenplatten eingenommen, die an Podeste und leere Rednerbühnen erinnern. In „Untitled“ aus dem Jahr 2004 etwa ist ein blinkender Digitalwecker in einer weissen Sockelkonstruktion eingelassen. In der Raummitte liegt eine lange, breite Platte, auf der eine ebenfalls weisse Leinwand steht, die man mit Schule und Indoktrinierung verbindet. Auf ihr wird ein Schwarz-Weiss-Comicfilm gezeigt, der auf Karikaturen des kroatischen Architekturmagazins „Architectura“ aus den 1960er-Jahren basiert.

Tabula rasa, Reduktion und Rechteck werden in Maljkovics animierten Zeichnungen als die Versatzstücke des Modernismus pointiert. Ein Strichmännchen-Kellner serviert buchstäblich „am Laufmeter“ Rechtecke und Kuben in funktionalen Design- und Architekturvarianten. Zwischendurch erscheinen zwei Männer am Ateliertisch, die über eine schematisierte Städteplanung mit kubischen Gebäudemodellen brüten. Wiederholt unzufrieden mit ihrem Entwurf, betreiben sie Tabula rasa, so als lasse sich Städtebau immer von Neuem entwerfen. Das einzige organische Element im Film ist eine grüne Palme. Die modernistische Politik der Form, die Rechteck und Kubus als Ausdruck der Rationalität zu den utopischen Garanten des Fortschritts erklärten, wird von Maljkovics Comic in feine, bewegte Farbstreifen aufgelöst und so als formale Konfiguration offengelegt. Dazu hören wir ein unablässiges Klicken in verschiedenen Tempi, das die ablaufende Zeit strukturiert. Uhren erscheinen als Motive auch in den Bildern.

„Display for Lost Pavilion“ (2013) ist ein weisser, kubischer Sockel, auf dem das Modell des modernistischen amerikanischen Pavillons von der Messe in Zagreb von 1956 fehlt. In seine Öffnung ist ein schwarzes Ständermikrofon eingekippt, das mit einem schwarzen kubischen Tonverstärker verkabelt ist. Es scheint, als werde nach den fehlenden heutigen Resonanzen der einst so bedeutenden modernistischen Architektur gesucht. Einzig die sieben grossformatigen Collagen der Serie „New Reproduction“ (2014) sind von verhaltener Farbigkeit. Ein digital bearbeiteter Fotoprint einer Armbanduhr an Männerhand ist auf grauen Untergrund collagiert. Über der Uhr, die wiederum Zeit und damit Geschichte thematisiert, hat der Künstler Fragmente von Abbildungen seines früheren Schaffens, von Werken oder Installationsansichten platziert. Mit der Um- und Neuschichtung will der Künstler aus dem Material der Vergangenheit neue Perspektiven gewinnen. Es geht ihm darum, seine Werke wie die überlieferten Formen des heroischen Modernismus für die Gegenwart und Zukunft neu und kritisch zu sichten. Insbesondere bei der gezeigten Fototapete wirkt die utopische Kraft des modernistischen Collageverfahrens seltsam verblasst. Die digitale Umschichtung ist nur noch Aktivität. Sie führt zu keinen neuen, zukunftsweisenden Konstellationen zwischen historischen Zeiten wie noch in früheren Werken.

Auch den weissen, leeren Flächen, die in der Ausstellung in St. Gallen so auffällig und vielzählig sind, fehlt die Kraft eines Nichts vor dem Anfang, die Kandinsky noch mit der weissen Farbe verband. Sie wirken steril, wie sublimierte Tote im Beinhaus des modernistischen Museums. Die Beschäftigung mit der Vergangenheit scheint als abgeschlossene Läuterung an ihren Endpunkt gekommen. Man wünscht sich, Maljkovic könnte diese ausgebleichten Geschichten ablegen und die Platzhalter eines vagen zukünftigen Versprechens durch neue formale und inhaltliche Impulse ablösen.        

David Maljkovic.

Lokremise St. Gallen

Grünbergstr. 7, St. Gallen.

Öffnungszeiten: Montag bis Samstag 13.00 bis 20.00 Uhr, Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 3. August 2014.




Kunstmuseum St. Gallen