24/04/14

Ozeanische Fantasmagorien

Die Ausstellung von Ellen Gallagher führt im Münchner Haus der Kunst in Welten bizarrer Schönheit

von Roberta De Righi
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Ellen Gallagher, Pomp-Bang, 2003, Collection Museum of Contemporary Art Chicago, Joseph and Jory Shapiro Fund by exchange and restricted gift of Sara Szold. © Ellen Gallagher, Photo: Gagosian Gallery

Die Ausstellung von Ellen Gallagher führt im Münchner Haus der Kunst in Welten bizarrer Schönheit

Die Geister der Vergangenheit sind allgegenwärtig. Ellen Gallagher macht sie in den Unterwasserwelten ihres Bilder-Zyklus „Watery Ecstatic“ sichtbar. Das Münchner Haus der Kunst präsentiert jetzt das staunenswerte Werk der afroamerikanischen Künstlerin (*1965) in einer Ausstellung, die einen Überblick auf das Schaffen der letzten 20 Jahre gibt. Und man kann in dieser Schau gut beobachten, wie die sagenhafte Kunst von Ellen Gallagher zaghaft Gestalt annahm. Eigenartig war sie schon am Anfang, als tausend winzige Augen oder Lippen aus dem Nichts ihrer großen Leinwände auftauchten. Mit der Zeit wuchs aus dieser eigenwilligen Interpretation des Minimalismus – mit Referenzen an Agnes Martin – ein vielschichtiges, tiefgründiges Oeuvre, das von betörender Ästhetik und stupender technischer Finesse ist und das alle Gattungsgrenzen sprengt. Denn ihre oft großformatigen Bilder gleichen eher Reliefs; als Werkzeuge dienen Pinsel und Skalpell, damit schnitzt Ellen Gallagher ins Papier – und die filigranen Figuren werden plastisch. Kein Wunder, dass Hauser & Wirth und Gagosian diese Preziosen auf dem Kunstmarkt unter sich aufteilen.

Als Inspirationsquellen dienen ihr Geschichte, Musik und Literatur. In „Watery Ecstatic“ bezieht sich Gallagher auf „Drexciya“, eine Art schwarzes Atlantis, zusammengesponnen vom gleichnamigen Elektro-Musikduo aus Detroit – nicht wahr, aber gut erfunden. Ihre Legende basiert auf der Geschichte der Sklaven, die auf Schiffen aus Afrika in die Neue Welt entführt wurden. Dabei wurden schwangere Frauen ins Meer geworfen, ihre Kinder passten sich dem Lebensraum Wasser an und existieren bis heute weiter als submarine Mutanten. Diese monströse SciFi-Fantasy ist zum Glück nicht ohne Humor. Und Gallagher lässt „Drexciya“ als eine verborgene Welt von bizarrer Schönheit Gestalt annehmen, belebt von Fischen, Quallen und Meerjungfrauen mit Krakenköpfen und Algenhaaren. Man kann in diesen ozeanischen Fantasmagorien geradezu versinken und dabei immer noch ein Detail und eine tiefer liegende Ebene entdecken.

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Ellen Gallagher, Dirty O’s, 2003 (detail), © Ellen Gallagher, Courtesy the artist and Hauser & Wirth

Die Faszination der echten Wesen aus der Tiefsee hatte Gallagher schon während des Studiums gepackt, als sie an einer Expedition auf einem meeresbiologischen Forschungsschiff teilnahm. Ihre Aufgabe war es, planktonische Lebewesen, so genannte Flügelschnecken, zu untersuchen und zu zeichnen. Die naturwissenschaftliche Akribie, aber auch der Respekt vor der Natur sind noch immer in ihren Zeichnungen zu spüren. „AxMe“, der Titel der Schau, bedeutet soviel wie das vernuschelte „Ask me“, es bezieht sich aber auch auf den Cartoon „Don’t axe me“, in dem das Entchen Daffy Duck permanent vor der Axt seines Besitzers fliehen muss, um nicht im Kochtopf zu landen. Verfolgung, Rassismus und Diskriminierung sind bei Gallagher als Thema immer vorhanden. Etwa in „Dirty O’s“: Da bleiben unter der Farbschicht nur die Buchstaben e und o sichtbar – die beiden Vokale aus dem Wort „Negro“. Und Herman Melvilles „Moby Dick“, die Story von Käpt’n Ahab und der Jagd auf den weißen Wal taucht in einer Neuinterpretation auf: Als Auflehnung des Mulatten Ahab gegen die „weiße“ Übermacht. Ellen Gallagher hat den einbeinigen Kapitän auf dem Monumentalgemälde „Bird in Hand“ doppelbelichtet und mit Clayton „Peg Leg“ Bates, einem einbeinigen schwarzen Stepptänzer aus South Carolina, der in den 1920er Jahren, lebte, vermischt. Die riesigen „Black Paintings“ wiederum sind so schwarz, dass sie alles Sichtbare verschlucken. Gallagher selbst beschreibt sie als „eine Art Weigerung – wenn man vor ihnen steht, verschwinden sie, und wenn man sich seitlich stellt, sieht man auch nur ein bisschen“. Diese mit glänzender Emailfarbe bestrichenen Flächen suggerieren eine ebenso unwägbare Tiefe wie der Ozean. Und sie hinterfragen die Möglichkeiten von Kunst: Erkennt man nur, was man weiß? Nimmt man nur wahr, was man sehen will?

Und wie schon bei Lorna Simpson, die das Haus der Kunst in der vorhergehenden Ausstellung präsentierte, sind auch bei Ellen Gallagher die Haare ein wichtiger Bedeutungsträger schwarzer Identität: Der Afro-Look als Symbol der Black Power, die gezähmte Perücke als Zeichen der Angleichung. Für ihre „Yellow Paintings“ hat Gallagher Beauty-Werbung aus Magazinen ausgeschnitten und auf die Köpfe wilde Wülste und Wölbungen aus Knetmasse gesetzt. Und die merkwürdigen Kopfbedeckungen etwa in „Afrylic“ von 2004 scheinen tatsächlich ein Eigenleben zu führen. Sie sind den fantastischen Meeresorganismen aus „Drexciya“ nicht unähnlich.   

 

Ellen Gallagher: AxME.

Haus der Kunst

Prinzregentenstr. 1, München.

Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 10.00 bis 20.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 22.00 Uhr.

Bis 13. Juli 2014.

 






Haus der Kunst