22/04/14

Der menschelnde Rebell

JR mag Christo - und auch ansonsten lässt die Retrospektive des Urban-Art-Stars keinen Zweifel an seinem Hang zum Größtformat

von Dietrich Roeschmann
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JR, UNFRAMED, I am a Man, Washington DC, 2012 © JR, 2014

JR mag Christo - und auch ansonsten lässt die Retrospektive des Urban-Art-Stars keinen Zweifel an seinem Hang zum Größtformat

Es kommt nicht oft vor, dass ein renommiertes Museum einem Künstler sein komplettes Haus zur Verfügung stellt, ohne dessen Namen zu kennen. Andererseits: Warum sollte man auf seine Personalien pochen, wenn es ausgerechnet die Arbeit in der Anonymität ist, die ihn zum Star gemacht hat? Das fanden zumindest die Verantwortlichen des Museums Frieder Burda und boten einem der berühmtesten Unbekannten der aktuellen Urban Art Szene nun neben den eigenen Räumen gleich auch die halbe Stadt als Bühne an: Der Franzose, der sich knapp JR nennt, ist Anfang 30, tritt zu jeder Jahreszeit mit Hut und Sonnenbrille auf und beschäftigt inzwischen einen ganzen Stab von Mitarbeitern, die in großem Stil die Verbreitung seiner Kunst betreiben, für die er sich vor zehn Jahren noch Verfolgungsjagden mit der Polizei lieferte.

Als Newcomer der Pariser Street-Art-Szene hatte er damals zornige Jugendliche während der Unruhen in der Pariser Banlieue Clichy porträtiert, um die Schwarz-Weiß-Bilder dann auf einem Plotter hundertfach zu vergrößern und in einer Nacht- und Nebelaktion illegal an die Wände der noblen Innenstadtbezirke zu plakatieren. Die Hausbesitzer waren wenig erfreut über die Invasion der Ausgegrenzten in ihren Straßen. Kein Wunder: Mit seiner Aktion „Portrait of a Generation“ hatte JR den randalierenden Kids erstmals ein Gesicht gegeben und ihre Wut auf die Gesellschaft, von der sie sich an den Rand gedrängt fühlten, zurück ins Herz der Stadt getragen. Als kurz darauf zwei Jugendliche auf der Flucht vor der Polizei starben, gingen die Bilder vom Ort des Geschehens um die Welt – und mit ihnen die „Portraits“ von JR, die dahinter an der Hauswand prangten. Im Museum Frieder Burda klebt eines dieser Fotos jetzt wandfüllend vor dem Fahrstuhl, der die eleganten Säle des Richard-Meier-Baus miteinander verbindet: Zu sehen sind ein paar Jugendliche, die mit irren Grimassen und nervös angespannten Körpern den Bürgerschreck spielen. Museumsbesucher schlendern vorbei, versunken in die Servicewelten ihres Audio- und Video-Guides. Aus dem großen Fenster nebenan geht der Blick in den Museumspark, wo die ersten Narzissen blühen. Einige bleiben kurz vor dem Wandbild stehen und lächeln amüsiert. Dann trägt der Lift sie zurück zum Ausgang.

Es ist ein merkwürdiger Clash der Wirklichkeiten, den diese erste Museumsretrospektive des Franzosen provoziert. Doch genau darin besteht für JR der Reiz seiner Arbeit. Er sucht die Konfrontation, um Grenzen zu überwinden – je unwahrscheinlicher die Aussichten auf Erfolg, desto besser. Ein schönes Beispiel dafür ist das Projekt „Face2Face“, das er 2007 an der Sperrmauer zwischen Israel und den Palästinensergebieten realisierte. Wochenlang hatte er dafür Bewohner auf beiden Seiten der Grenze porträtiert, hatte Schnappschüsse von albernden Rabbis, Imanen und Priestern gemacht und ihre Porträts schließlich auf beiden Seiten des Betonwalls plakatiert. Plötzlich blickten Israelis in fröhliche Palästinensergesichter und die Bewohner von Gaza auf lachende Israelis. Eine fast schon rührende Intervention im Nahost-Konflikt. Auch die anderen Projekte, die in Baden-Baden dokumentiert sind, erzählen vom unerschütterlichen Optimismus dieses mit Papier und Kleister bewaffneten Versöhners, der mit seiner Kunst den Blick auf die Würde des Einzelnen schärfen möchte. Für seine Aktion „Women are Heroes“ etwa plakatierte er in Slums auf der ganzen Welt Treppen oder Hüttendächer mit Porträts anonymer Bewohnerinnen, die dem Elend in einer männerdominierten Welt durch Engagement gegen Willkür, Gewalt und Vorurteile trotzen. In Metropolen wie Berlin, Havanna oder Shanghai ließ er dagegen riesige Konterfeis alter Menschen von bröckelnden Hausfassaden blicken, in denen die verborgene Geschichten der Stadt lesbar werden sollten – mit paradoxem Effekt: Die extreme Nahsicht dieser „Wrinkles of the City“ und die schiere Größe ihrer Reproduktionen ließen jedes noch so intime Detail der greisen Gesichter zum Fanal einer ans Allzu-Menschelnde grenzenden Humanität mutieren. Dass es auch subtiler geht, zeigt JR derzeit mit seinem Projekt „Unframed Baden-Baden“. Inspiriert von der grenznahen Lage des Kurstädtchens, bat er die Einwohner um Privatfotos und Erinnerungen an persönliche Momente der deutsch-französischen Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg. Einige dieser Schwarz-Weiß-Bilder sind nun an den verschiedenen Orten im Stadtraum zu finden: Vor dem Eingang zum Michaelstunnel lacht ein junges Paar in Badekleidung von der Fassade, durch eine Seitenstraße stürmt eine Gruppe französischer Soldaten und über den Giebeln der Stadt kniet ein junger Deutscher vor dem Plattenspieler und lauscht Chansons. Die Geschichten zu diesen Schnappschüssen erzählt wiederum eine kleine Kabinettschau im Museum Frieder Burda.

Dort haben die Besucher auch Gelegenheit, selbst an einem von JRs Projekten teilzunehmen: Wer will, darf dafür in einer Fotokabine im Untergeschoss ein Selfie von sich schießen, das dann von einem Großdrucker im Obergeschoss als DIN-A0-Plakat ausgespuckt wird und erstmal durch die weiten Hallen segelt, bevor es eingerollt und mitgenommen werden darf. Wie viele der bislang 150.000 Teilnehmer ihr Porträt am Ende tatsächlich im öffentlichen Raum plakatiert haben, um JRs jüngstem Baby, dem Gesamtkunstwerk „Inside Out“ zum Leben zu verhelfen, ist leider nicht bekannt.

 

JR.

Museum Frieder Burda

Lichtentaler Allee 8b, Baden-Baden.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 29. Juni 2014.

 

 

 


 




Museum Frieder Burda