14/04/14

Virulenz der Moderne

Eine Ausstellung im Zürcher Migrosmuseum befasst sich mit der einflussreichen Choreografie "Le Sacré du printemps"

von Annette Hoffmann
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Strawinsky et les Ballets Russes (Denis Caiozzi, 2008), copyright V. M Baranovsky

Eine Ausstellung im Zürcher Migrosmuseum befasst sich mit der einflussreichen Choreografie "Le Sacré du printemps"

Es hat nicht das Tanzfonds Erbe-Projekt der Kulturstiftung des Bundes gebraucht, um Vaslav Nijinskys Choreografie „Le Sacré du printemps“ zu rekonstruieren. Das hatten Millicent Hodson und Kenneth Archer schon 1987 zusammen mit dem Joffrey Ballet besorgt. Dennoch: Derzeit schauen Choreografen und Tanzforscher auf die eigene Vergangenheit. Mit guten Gründen, keine andere Kunstform ist derart flüchtig wie der Tanz und ganz grundsätzlich hat die Auseinandersetzung mit der Moderne das Bewusstsein geschärft für ihre historischen Voraussetzungen.

Das Ballett „Le Sacré du printemps“, das nun im Zürcher Migrosmuseum im Mittelpunkt einer Ausstellung steht, ist ein Mythos, der sich gleichermaßen aus seiner Ästhetik und aus dem Skandal speist, den Igor Strawinsky und Vaslav Nijinsky bei der Premiere am 29. Mai 1913 auslösten. In diesem Frühlings­opfer formuliert sich das künstlerische Selbstbewusstsein einer Avantgarde und die Fähigkeit mit dem bislang Gültigem zu brechen. Das macht das Tanzstück für Kuratoren so reizvoll. Hinzu kommt das Interesse an der Authentizität des Körpers wie es sich derzeit auch an der Präsenz der Performance in der zeitgenössischen Kunst ausdrückt. In der Zürcher Schau leitet eine Wand mit Bildern von Lucy Stein den Blick auf das rekonstruierte Original. Fliegende Zöpfe, gekreuzte Bänder, rote Bäckchen und Kleider, die wirken als seien sie von den beliebten Völkerschauen inspiriert, aber bei Drehungen einen perfekten Kegel ergeben; Kostümbildner Nicolas Roerich hatte einen pittoresken Folklorismus geschaffen, über dem man fast die Ungeheuerlichkeit des Geschehens übersieht. Schließlich erzählt die gut 40minütige Choreografie davon, wie eine Gemeinschaft ein Mädchen auswählt – oder verstößt – um die Jungfrau dem Frühlingsgott zu opfern, damit dieser dem Dorf Fruchtbarkeit gewährt.

Unzählige Male wurde Nijinskys Choreografie, die er für das Ballets Russes geschaffen hat, adaptiert. Wie sehr es dabei zu semantischen Verschiebungen kommt, zeigen die Beispiele der Ausstellung. Marko Lulic (*1972) konzentriert sich auf die zentrale Szene, doch in „Le Sacrifice“ fällt nicht ein junges Mädchen immer wieder aus der Formation der Frauen und auf den Boden, bis es ausgegrenzt wird – es sind gut 15 Männer, die aus einer lockeren Kreisstruktur einen der ihren isolieren und zu Boden werfen. Das hat eine andere Dynamik – auch durch die Schwarz-Weiß-Ästhetik und die Kameraperspektiven. In Royston Maldooms (*1943) Tanzprojekt mit gut 250 Berliner Schülern wird sichtbar, dass es die Gesellschaft ist, die die Jugendlichen aus ihrer Mitte ausschließt. Und in Mary Wigmans (1886-1973) Choreografie von 1957, die jetzt im Rahmen des Tanzfonds Erbe-Projektes rekonstruiert wurde, treten die totalitären Mechanismen stärker hervor als beim Original. Yvonne Rainers (*1934) Tanzstück „RoS Indexical“ stellt hingegen das ikonische Bewegungsmaterial, die nach innen gedrehten Füße, die Sprünge und zur Seite geneigten Köpfe heraus, das durch eingespielte Reaktionen eines empörten Publikums gebrochen wird.

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Marko Lulic, The Sacrifice, 2013, Videostill, courtesy the artist and Gabriele Senn Galerie, copyright the artist
Auch in den Arbeiten der bildenden Künstler, die sich teils eigens für die Ausstellung mit „Le Sacré du printemps“ befasst haben, sieht man – wie etwa bei Marc Bauer (*1975) – die verdrehten Füße, die gestreckten Hälse ‒, doch Bauer schließt die blinden Flecke der Rezeptionsgeschichte und der Biografie des Choreografen durch gezeichnete Innenansichten aus dem Kreuzlinger Sanatorium, in dem sich Nijinsky behandeln ließ und durch Porträts seines Geliebten Diaghilev. Und auch eine der Zeichnungen von Nijinsky, die im Original auf der gegenüberliegenden Seite zu sehen ist, hat sich Bauer angeeignet. Bereits in den 1970er Jahren bezog sich Eleanor Antin (*1935) auf das Ballets Russes. In ihrer Serie „Recollection of My Life with Diaghilev“ inszeniert sie die Kunstfigur der Antinova stimmungsvoll als erste dunkelhäutige Primaballerina. Auf sepiabraunen Fotografien, die die Tänzerin in ihren Erinnerungen kommentiert, sieht man sie als Perserin oder Ägypterin. Mit viel Humor und Namedropping zeigt Antin, dass die Avantgarde auch nur so eine Klatschgeschichte der Moderne ist.       

Sacré 101.

Migrosmuseum für Gegenwartskunst

Limmatstr. 270, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch, Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 11. Mai 2014.




Migros Museum für Gegenwartskunst