12/04/14

Reboot eines abgestürzten Systems

Seine Op-Art-Pattern machten Victor Vasarely zum Kunstposter-Boy der Siebziger, jetzt wird der Maler in Zürich wiederentdeckt

von Florian Weiland
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Installationsansicht Victor Vasarely, Die Wiederentdeckung des Malers, Haus Konstruktiv

Seine Op-Art-Pattern machten Victor Vasarely zum Kunstposter-Boy der Siebziger. Jetzt wird der Maler in Zürich wiederentdeckt

Im Oktober 1969 kam es während der Vernissage einer Ausstellung zu Ehren Victor Vasarelys in der Budapester Kunsthalle zu einem kleinen, kaum beachtetem Zwischenfall. Der ungarische Künstler János Major hielt ein Schild in die Höhe, auf dem er forderte: „Vasarely go home!“ Die Ablehnung richtete sich weniger gegen Vasarely selbst, der als Schlüsselfigur der Op-Art gilt, als dem Umstand, dass abstrakt arbeitende junge Künstler von staatlicher Seite verpönt waren, während der ebenfalls abstrakt malende und international erfolgreiche Vasarely zum offiziellen Aushängeschild Ungarns stilisiert wurde.

Andreas Fogarasi greift diesen Vorfall in einer Videoinstallation auf. Sie ist, parallel zur großen Vasarely-Ausstellung, im Haus Konstruktiv in Zürich zu sehen. Zeitzeugen erinnern sich. Sie kommentieren die Aktion Majors, schildern den politisch-kulturellen Kontext und äußern freimütig ihre Meinung über Vasarely. An Victor Vasarely (1906-1997) scheiden sich die Geister. In den 1970er Jahren stand er im Zenit seiner Karriere. Doch seine Popularität wurde ihm zum Fluch. Es schien, als habe man sich an ihm und seinen in viel zu hohen Auflagen verbreiteten Siebdrucken sattgesehen und in den letzten Jahren und Jahrzehnten wurde es still um ihn. Zu Unrecht, gibt sich das Haus Konstruktiv überzeugt, und lädt dazu ein, Vasarely als Maler wiederzuentdecken.

Schnell zeigt sich, dass Vasarely nichts von seiner Anziehungskraft verloren hat. Die Ausstellung ist und das war nicht anders zu erwarten, eine Herausforderung für die Augen. Nichts ist wie es scheint. Flächige Bilder wirken plastisch und entfalten eine ungeheure Tiefenwirkung oder scheinen sich uns entgegenzuwölben. Die Illusion eines Raumes wird hervorgerufen, Bewegung suggeriert, positive und negative Flächen verschieben sich, so dass das Gesehene zu flackern beginnt. Manche der streng geometrischen Bilder kippen, fixiert man sie länger, um und ändern ihre Perspektive. Das Auge verliert jeden Halt.

Vasarely ist ein Zeitgenosse der Zürcher Konkreten um Max Bill. Er steht ihrer Kunstauffassung nahe, schöpft aus denselben Ursprüngen und prägt ihre Aktivitäten mit. Doch ab Ende der 1940er Jahre wird der gebürtige Ungar, der seit 1930 in Paris lebt, einen ganz eigenständigen Weg einschlagen. Die Ausstellung konzentriert sich auf Arbeiten zwischen 1947 – dem Jahr, in dem Vasarely sich endgültig der Abstraktion verschreibt – und 1974. Es ist ein bisschen schade, dass Vasarelys gegenständliche Anfänge ausgeblendet bleiben, allerdings lassen sich in den Werkgruppen „Belle-Isle“ und „Gordes-Cristal“ noch vage abstrahierte Gegenstandsmotive wie Muscheln oder Stadtsilhouetten entdecken. In den Jahren 1951 bis 54 arbeitet Vasarely ausschließlich in schwarz-weiß. Er montiert Plexiglasscheiben übereinander – die „kinetischen Tiefenbilder“ entstehen.

Die Ausstellung gibt einen repräsentativen Überblick über die entscheidenden Schaffensphasen Vasarelys. Von den Bildern der Periode der „Planetarischen Folklore“ bis hin zu den aus „unités plastiques“ (plastischen Einheiten) zusammengesetzten Kompositionen der 1960er Jahre. Letztere werden zu Vasarelys Markenzeichen. Die Module erlauben es ihm, seine Bilder farblich und formal immer wieder neu zu variieren. Vasarely entwickelt in der Folge lediglich Prototypen und überlässt die weitere Ausführung seinen Mitarbeitern. Damit stellt sich die Frage nach der Autorschaft des Kunstwerks. Vasarely fordert eine „Kunst für alle“. Die serielle Produktion und die immer höher werdenden Auflagen seiner Editionen und Multiples schaden seinem Ruf. Es folgt, wie Kurator Serge Lemoine bedauernd festhält, das „totale Vergessen.“ Die Op-Art hat, wie der Gang durch die Ausstellung belegt, überhaupt nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Sie ist eine Kunstform, die ohne jedes Vorwissen funktioniert. Vasarelys Leistung liegt nicht zuletzt in einer neuartigen Einbeziehung des Betrachters. Seine Bilder erzeugen geradezu hypnotische Effekte. Vasarelys Kunst ist eine perfekt berechnete optische Täuschung. Und genau dies hat sie einst so erfolgreich gemacht.        

 

Victor Vasarely: Die Wiederentdeckung des Malers.

Andreas Fogarasi: Vasarely Go Home!

Haus Konstruktiv

Selnaustr. 25, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 11.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 18. Mai 2014.

 




Haus Konstruktiv