13/04/14

Aus dem virtuellen Labor

Die Filme des Briten Ed Atkins aus der medialen Welt in der Kunsthalle Zürich

von Yvonne Ziegler
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Ed Atkins, Installationsansichten Kunsthalle Zürich, 2014, Courtesy the artist, Julia Stoschek Collection, Düsseldorf & Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin

Die Filme des Briten Ed Atkins aus der medialen Welt in der Kunsthalle Zürich

Film gehört zu jenen künstlerischen Medien, die ihre Materialität vergessen lassen. Unendliche Bilderfolgen, vielfältige Erzählfäden, emotionalisierende Musik und wirklichkeitsnahe Illusion bannen Auge, Ohr und inneres Erleben. Daher zerkratzten Vertreter des experimentellen Films das Zelluloid (Len Lye), legten Mottenflügel darauf (Stan Brakhage) oder irritierten durch Schwärze (Hollis Frampton). Während Videokünstler spezifische Eigenschaften wie Echtzeitwiedergabe (Peter Campus) oder magnetische Empfindlichkeit (Nam June Paik) nutzten, um ungewöhnliche oder krisselige Bilder entstehen zu lassen. Mit der digitalen Wende ist die Stofflichkeit vieler Bildwerke verloren gegangen, HD-Klarheit beherrscht das Feld. Hyperreale Bilder von unglaublicher Schärfe und täuschender Echtheit basieren auf digitalen Dateiformaten, die auf ihre Herkunft aus dem virtuellen Bild-Raum-Labor der Computertechnologie verweisen.

Wer heute Film medienreflexiv präsentieren will, muss einen Keil zwischen die glatte Oberfläche und ihre digitale Erzeugung treiben. Dies gelingt dem britischen Künstler Ed Atkins (*1982) meisterhaft, zumal sich gedankliches Erkennen und sinnliches Erleben die Waage halten. Atkins schafft aus der Immaterialität des digitalen Films und dem zunehmenden Ersatz real gefilmter Körper durch wirklichkeitsnahe Surrogate hochkomplexe Filmwerke. Seine Arbeiten begleiten den Betrachter auf einer assoziativen Reise aus Gedankenfetzen, Bildfragmenten, Musik-Samples und Textpuzzles, die auf verschiedenen Ebenen angeordnet unterschiedlichen Regeln folgen, sodass sie mal ein zersplittertes, mal ein stimmiges Ganzes ergeben. Sie offenbaren dabei die Klaviatur des vergangenen und gegenwärtigen Gemachten: störende Fussel auf Zelluloid, ungewollte Streifen des Videobilds, verblüffende Freistellungseffekte des Chroma-Key-Verfahrens sowie strahlenden Glanz künstlich perlenden Wassers, aufpoppende Schriftzüge und virtuelle Körper, aus denen die Luft abgelassen wird. Hinzu tritt neben Atkins‘ eigenem Schreiben Textmaterial unterschiedlicher Provenienz: Gilbert Sorrentino, John Cassavetes, James Merrill, William Davenant.

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Ed Atkins, Installationsansichten Kunsthalle Zürich, 2014, Courtesy the artist, Julia Stoschek Collection, Düsseldorf & Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin

All dies macht Ed Atkins am Laptop mit neuster Computertechnologie. Neben den herkömmlichen Schnitt- und Samplingmethoden kommen Motion-Capture-Programme zum Einsatz, die per Kinect-Kamera Körperbewegungen aufnehmen und auf einen Avatar übertragen. Wie ein YouTube-Star „performt“ der Künstler vor der Kamera und hat dabei unzählige potentielle User im Blick, die allein vor ihren Laptops sitzen. Allerdings haben es seine computergenerierten Figuren (anscheinend allesamt männlich) in den Realraum des Kunstkontextes geschafft, wo sie vom realen Leben und der Künstlichkeit ihrer Welt erzählen, in der keine echte Erfahrung möglich ist. Dabei nehmen sie Wort- und Gedankenspiele vor, als grübelten sie über derart große Themen wie Liebe, Erinnerung, Melancholie, Schmerz oder Tod nach. Im Verlauf tauchen Elementen unserer medialen Welt auf, farbige Untertitelkästen mit kryptischen Nachrichten wie „fff“, „ttt“ als Dokumentation der Moskitosprache. Ein Like-Daumen führt die Möglichkeit des Disliken vor, indem er zuerst in Wasser, dann in Auge, Ohr und Bauchnabel getaucht wird. In Monologen, deren Adressaten man nicht kennt, eröffnen Atkins‘ Figuren Optionen, ohne sie tatsächlich zu verfolgen, jeweils eingeleitet durch ein suggestives „or“. Ein Kopf fragt, ob es wohl bedeutsam wäre, wenn man unter der Vorhaut seines Liebhabers eine Wimper fände.

Im neusten, drei Räume umfassenden Werk „Ribbons“ verweist die Tätowierung „Troll“ auf jene Anonymen, die in Diskussionsforen und Blogs destruktive Kommentare posten. Atkins‘ Mix aus ernsthaften Gedanken, vertrauten Bildern, spielerisch angewandten Bildtechniken, Musik unterschiedlicher Genres und rhythmischem Klatschen macht die Faszination seiner Filme aus. Sie bleiben auch nach dem Besuch der Ausstellung aufgrund ihrer gleichzeitigen bildlichen Klarheit und inhaltlichen Unbestimmtheit widerständig und rätselhaft.   

 

Ed Atkins.

Kunsthalle Zürich

Limmatstr. 270, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr. Bis 11. Mai 2014.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Ed Atkins, jrp Ringier,

Zürich 2014, 160 S., 25 Euro | 38 Franken.




Kunsthalle Zürich