27/11/12

Absurde Begegnungen zwischen Konzertflügel und Palmen

Angeregt vom surrealistischen Geist: eine Einzelausstellung von Denis Savary in der Kunsthalle Bern.

von Yvonne Ziegler
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Denis Savary (* 1981) spült vergessene Kulturgeschichte an die Oberfläche, indem er angeregt vom surrealistischen Geist Bezüge zwischen vordergründig Unzusammenhängendem herstellt. Dabei haben seine Installationen und Objekte meist eine simple und eine komplizierte Lesart. Denn wer im Foyer der Kunsthalle Bern geradewegs auf die nackten lebensgroßen Plüschpuppen trifft, die auf eine Doppelprojektion eines leeren Clubs schauen, wird Voyeurismus, Einsamkeit und Trostlosigkeit assoziieren, bevor ihn der Titel „Alma (d’après Oskar Kokoschka)“ an jene Puppe erinnert, die sich Kokoschka von seiner unglücklichen Liebe Alma Mahler anfertigen ließ. Sehnsucht, Begehren, Fetisch, Maske und Surrogat sind Themen, die Savarys Werk durchziehen. Man begegnet ihnen in Holzstichen nach Félix Valloton, in phallischen Masken nach James Ensor und einem Paik’schen TV-Buddha im Gewand von Fernando Boteros Fettleibigen und Diego Velázquez’ Zwergen. Kunstgeschichte ist hier omnipräsent. Savarys gedankliches Feld umspannt vor allem die Zeit des Fin de Siècle, als mit der Psychoanalyse das Unbewusste aus der Taufe gehoben und ausgelöst durch die zunehmende Emanzipation von Frauen das Geschlechterverhältnis tief erschüttert wurde. Der Blick auf die menschenleere Disko fügt dem Werk die zeitgenössische Perspektive hinzu und lässt die Frage nach heutigen Formen von Ersatzbefriedigung und symbolischer Trennungsverarbeitung aufkommen.

Mehrmals taucht in Savarys Schau das Heim auf, mal in Form eines Puppenhauses, aus dessen Innerem sinnliche Laute einer ihr Pferd dirigierenden Reiterin dringen, mal in Gestalt einer silbernen Küche, die zu groß zum Spielen und zu klein zum Kochen ist. Unweigerlich muss man an Normen und Tabus, verbotene (Kinder-)Spiele und den amerikanischen Künstler Robert Gober denken. Savary zeigt Humor, wenn er riesige Kokosnüsse aufstellt, die einen Zusammenhang zwischen Max Ernst und Toulouse-Lautrec herstellen sowie eine absurde Begegnung zwischen einem Konzertflügel und sich auf Reifen drehenden Palmen inszeniert. Im Erdgeschoss plätschert Wasser in Springbrunnen, Vogelstimmen erfüllen die Luft. Hier steht Kurt Schwitters Pate: In den 1930er Jahren nahmen Stare der norwegischen Insel Hjertøya seine Ursonatenrezitationen in ihr Repertoire auf. Savary ließ unlängst Ornithologen deren Ursonatengesang nachahmen. Solche Verkettungen und Umkehrungen sind typisch für den Welschschweizer. Er eröffnet Wege, denen man folgen kann, und lässt einem zugleich den bloßen Anblick von fettleibigen Langerweilerfilmpüppchen genießen.

Denis Savary
Kunsthalle Bern
Helvetiaplatz 1, Bern.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 9. Dezember 2012.
Kunsthalle Bern