07/04/14

Die wollen doch nur spielen

Eine Ausstellung im Museum Tinguely zieht den Betrachter als Akteur mit ein

von Eva Falge
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Jeppe Hein, Intervention Impact, 2004, Courtesy Johann König, Berlin, © 2014, Jeppe Heim, Foto: Annette Kradisch

Eine Ausstellung im Museum Tinguely zieht den Betrachter als Akteur mit ein

Mit einer Einladung zum Ballspielen wird der Besucher derzeit im Museum Tinguely von „Rotozaza No. 1“ empfangen. Sie ist eine der beweglichen Skulpturen aus Tinguelys gleichnamiger Werkreihe und stimmt auf die Ausstellung „Spielobjekte – Die Kunst der Möglichkeiten“ ein, die Wegbereiter der kinetischen Kunst aus dem 20. Jahrhundert zeigt. Die Schau gibt einen Überblick auf die Entwicklung variabler Kunstwerke, die den Besucher zum direkten Akteur zwischen Künstler und Kunstwerk werden lassen. Interaktivität ist heute Bestandteil des gesellschaftlichen Alltags, doch in den 1940er Jahren hatte die Idee, den Betrachter zu aktivem Mitgestalten des Kunstwerks aufzurufen, einen schweren Stand. Sie widerstrebte bestehenden Kunstidealen, da sie sich bewusst von der Rolle des Künstlergenies und seinem bewundernden Betrachter abwandte. Sie sollte eine Demokratisierung von Kunst und ihre Integration in die Lebenswelt befördern.

In der Kunstgeschichte wird das Spielobjekt auch als „Variations-“ oder „Partizipationsobjekt“ bezeichnet. Jedoch ist die aktive Teilnahme im Museum Tinguely aufgrund der Fragilität einiger Exponate nur in geführten Ausstellungsbesuchen möglich. Nur wenige Arbeiten können jederzeit vom Besucher aktiv erlebt werden, einige Werke sind nur Ansichtsobjekte, wie etwa frühe Arbeiten der lateinamerikanischen, in Europa kaum bekannten Künstlergruppe „Madi“. Ihre Mitglieder experimentierten bereits Mitte der 1940er Jahre mit dreidimensionalen Formen auf spielerische Art, wie Mary Vieira (1927-2001). Die brasilianische Künstlerin ist hier nicht nur mit einer ihrer „Polyvolume“-Skulpturen vertreten, sondern auch dauerhaft in der Basler Universitätsbibliothek. Eine Arbeit ihres argentinischen Zeitgenossen Gyula Kosice (*1924) fällt gleich im ersten Ausstellungsraum durch ihre lineare Klarheit und Fragilität auf. Erst bei näherer Betrachtung ist zu erkennen, dass die frei hängende Skulptur „Mobile Articulated Sculpture“ aus einem Zollstock aus Messing besteht, der zu einem Band verbunden und durch manuelle Veränderung aus seiner Starrheit in ein graziles Objekt verwandelt wurde. Andere Kunstwerke erinnern an Spielbretter, auf denen Elemente unterschiedlicher Formen vom Betrachter frei variiert oder durch Berührung in Schwingung versetzt werden können und sich somit ein statisches Werk überraschend in ein Klangbild verwandelt. Klare geometrische Formen werden bei Vertretern der konkret-konstruktiven Kunst wie den Schweizer Künstlern Rolf Rappaz (1914-1996) und Karl Gerstner (*1930) zu spielerischen Elementen. Ihren strengen Ordnungsregeln gegenüber stehen Werke aus den frühen 1960er Jahren von Dieter Roth (1930-1998). Sein „Dreh-Rasterbild“ erzeugt durch Rotationsbewegungen visuelle Interferenzen, die wie in der Op-Art ein Flirren vor den Augen des Betrachters bewirken. Nach dem Zenit des Spielobjekts in den 1960er Jahren, in der sich verschiedene europäische Künstlergruppen zur losen Vereinigung „Neue Tendenzen“ zusammenschlossen, zeichnet sich im folgenden Jahrzehnt eine Hinwendung zu minimalistischen Materialien ab. Industriell gefertigte Grundelemente bilden die Hauptbestandteile der veränderbaren Kompositionen. So werden alltägliche Fenstergriffe in den „Kaufhaus-Objekten“ von Rolf Glasmeier (1924-2003) in ein variables Kunstwerk integriert, das vom Betrachter in ästhetische Formationen verwandelt werden kann und eine gesellschaftspolitische Dimension erreicht. Die Ausstellung schliesst den Kreis zur Gegenwart und zeigt, wie die Spuren der Spielobjekte auch heute wieder von jungen Künstlern aufgegriffen werden. „Intervention Impact“ des dänischen Künstlers Jeppe Hein (*1974)  lässt Besucher zum Architekten werden, dem kubische Elemente aus Pappkarton als modulares Bausystem dienen. „Spielobjekte“ führt uns vor Augen, wieweit wir in unserer schnelllebigen digitalisierten Zeit fast vergessen haben, dass die Untersuchung ästhetischer Phänomene auf spielerische Art neue Erkenntnisse eröffnen kann.       

Spielobjekte – Die Kunst der Möglichkeiten.

Museum Tinguely

Paul-Sacher-Anlage 2, Basel.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 11. Mai 2014.




Museum Tinguely