20/03/14

Untergrombach ganz global

Franz Ackermann zeigt in der Kunsthalle Karlsruhe Modelle für fragmentierte Bewusstseinsströme

von Carmela Thiele
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Franz Ackermann, Golfen im Zoo, 2014, © Franz Ackermann, Foto: Jens Ziehe, Berlin

Franz Ackermann zeigt in der Kunsthalle Karlsruhe Modelle für fragmentierte Bewusstseinsströme

„Golfen im Zoo“, so ein Bildtitel verheißt Witz, Hintersinn und Ironie. Gemeint ist der Karlsruher Zoo im Stadtpark, der als Bindeglied zwischen Bahnhof und City fungiert. Allerdings wird dort höchstens Minigolf geboten, aber darauf kommt es nicht an. Die Löcher sind nicht in der Wiese, sondern in dem gleichnamigen, aus vielen Facetten bestehenden Bild, das auf den ersten Blick wie eine Werbetafel im Moment ihrer Sprengung wirkt. Franz Ackermann bringt unseren Sinn für Realität in Bewegung. Seine Bilder sind Modelle für fragmentierte Bewusstseinsströme, ausgelöst durch Mobilität, Medienkonsum und die Allgegenwart von kreischend bunten Plakatwänden.

Eigentlich hatte es nur eine kleine, feine Präsentation zum 50. Geburtstag des Professors der Karlsruher Kunstakademie werden sollen. Der Ort stand fest. Der international agierende Künstler hätte ohne Mühe die 18 Pultvitrinen des Vorlegesaals der Kunsthalle Karlsruhe mit seinen Mental Maps, meist kleinformatigen, auf Reisen entstandenen Aquarellen, bestücken können. Doch zeigt sich einmal mehr, dass Franz Ackermann jede Ausstellung als Projekt begreift, das ihn nicht langweilen darf, das eine Herausforderung birgt und ‒ wenn es optimal läuft ‒ seinem Werk einen neuen Aspekt hinzufügt.

Für jede Vitrine, in der schon Radierungen von Rembrandt oder Zeichnungen von Cézanne gezeigt wurden, hat er ein kompaktes wie differenziertes Tableau geschaffen, das jeweils auf einen besonderen Ort in Karlsruhe Bezug nimmt. Der Künstler, der sich seit Mitte der 1990er-Jahre mit dem Thema der Fernreise, der Fremde und deren Aneignung befasst, widmet sich des Unbekannten vor der eigenen Haustür. Doch geht er mit den Augen des Künstlers durch die Stadt, ist fasziniert von einer elegant geschwungenen Zubringerbrücke in Untergrombach, von der Innendekoration eines türkischen Imbiss oder den Laden-Displays des hiesigen Rotlichtviertels.

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Franz Ackermann, Leben und Brücken, 2014, © Franz Ackermann, Foto: Jens Ziehe, Berlin

Doch sind es nicht nur die optischen Fundstücke des Flaneurs, die er provokant mit den Mitteln der Farbe, der Zeichnung und der Collage in Szene setzt. Ackermann nimmt auch Bezug auf den strahlenförmigen Grundriss der Stadt. So übertrug er die sternförmige Stadtansicht von Christian Thran aus dem Jahre 1739 auf einen Spiegel. Wer in die Vitrine „Segaleus Besuch“ schaut, erblickt sich selbst. Die Oberfläche der Stadt spiegelt ihre Bewohner, so könnte der Gedanke dieses zirzensischen Kunstgriffs zu verstehen sein.

 In wieweit sich der Künstler auch noch von der historischen Wand- und Deckengestaltung des Vorlegesaals, den von Moritz Schwind im 19. Jahrhundert entworfenen Fresken, inspirieren ließ, erklärt sich nicht von selbst. Der Titel der Ausstellung „Franz Ackermann. Mental Maps – Eikones“ spielt auf diesen Zusammenhang an, der Liebhabern der Altphilologen den Zugang zu Ackermann erleichtern dürfte. Denn auf eine antike Quelle, die „Eikones“ (griech. Bilder) der Philostraten, bezog sich Schwind. Diese Bilderzählungen stehen für eine durch die Beschreibung der Lichtverhältnisse, der Geräusche und Düfte erweiterte Bilderfahrung. Und eben solcher, vielfältiger Sinneserfahrungen soll auch der Betrachter der Bilder Ackermanns gewahr zu werden.

Die seit rund zwei Jahren geplante Ausstellung hat sich schrittweise zu einem wahren Gesamtkunstwerk entwickelt, das aufgrund der Beschränkung auf den Vorlegesaal zugleich ein angenehmes Unterstatement kultiviert.

 

Franz Ackermann, Mental Maps - Ikones.

Kunsthalle Karlsruhe

Hans-Thoma-Str. 2-6, Karlsruhe.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 11. Mai 2014.

Im Wienand-Verlag ist ein Katalog erschienen, 120 S., 28 Euro, 38,20 CHF.

 




Kunsthalle Karlsruhe