14/03/14

Der große Einschnitt

Das Kunstmuseum Stuttgart erinnert an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges vor hundert Jahren

von Annette Hoffmann
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Otto Dix,  Sturmtruppe geht unter Gas vor, 1924,  Kunstmuseum Stuttgart,  Foto: Kunstmuseum Stuttgart/ Axel Koch,  © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Das Kunstmuseum Stuttgart erinnert an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges vor hundert Jahren

Es gab keinen Anlass zu klagen. Als der Krieg den Vizefeldwebel Otto Dix entließ, galt seine Führung als sehr gut. Wilhelm Paetzold, 1924 vom Kultusministerium in Berlin mit einem Propagandawerk gegen die französische Besatzung des Ruhrgebietes betraut, hatte deshalb wohl etwas anderes erwartet als er Dix um seine Mitarbeit bat. Die fünf Mappen „Der Krieg“, die Dix in den Jahren 1923/24 schuf, sollten dann beim Galeristen Karl Nierendorf erscheinen. Ein Verkaufserfolg wurde das Werk nicht, doch es kam zu Ausstellungen in 15 Städten, die jedes Mal empörte Reaktionen hervorriefen. Der Vorwurf der Wehrzersetzung, die die Nazis gegen Dix erhoben – und die ihn als „entarteten Künstler“ diffamierten –, dürfte nicht zuletzt auf diesen Radierungen beruhen.

Das Kunstmuseum Stuttgart zeigt nun diese Papierarbeiten und erweitert sie unter anderem um Werke von Reinhold Nägele, Wilhelm Schnarrenberger und zeitgenössische Arbeiten, etwa von Yael Bartana. Die Stuttgarter Schau „100 Jahre Erster Weltkrieg“ macht jedoch nur den Anfang einer umfassenden Auseinandersetzung der Museen mit dem Jahr 1914 – sowohl in Deutschland als auch im Ausland. In England und Frankreich spricht man vom Großen Krieg, wenn man den Ersten Weltkrieg meint, in Deutschland verdeckten der Holocaust und die Gräuel der NS-Zeit eine genauere Sicht auf die Jahre 1914 bis 1918; 70 Millionen Menschen aus 40 Staaten kämpften in diesem Krieg, 17 Millionen Menschen starben. Das Gedenkjahr und Publikationen wie Christopher Clarks „Die Schlafwandler“ schärfen nun den Blick.

Während des Krieges schuf Otto Dix, der als MG-Schütze an der West- und Ostfront eingesetzt war, Zeichnungen, die abstrakt und beinahe futuristisch wirken. Dix stellt eine Art Architektur des Krieges dar, Schützengräben, Unterstände, die in die Landschaft geschnitten wurden. Explosionen haben etwas Expressionistisches. Als er sich anschickt, mit den Grafiken „Der Krieg“ zu beginnen, besucht er die Pathologie, reist nach Palermo in die Kapuzinergruft und studiert Ernst Friedrichs Buch „Krieg dem Kriege“, das 1924 erschien. Was in diesen beiden Jahren entsteht, ist so naturalistisch wie alptraumhaft: surreal beleuchtete Bombenkrater, aufgedunsene Leichen, Soldaten mit Gasmasken, die an Totenköpfe erinnern, Menschen mit bis dahin unvorstellbaren Verstümmelungen und solche, die einfach angesichts dieses Wahnsinns den Verstand verloren haben. „Der Krieg“ ist auf martialische Weise pazifistisch. 


100 Jahre Erster Weltkrieg. Positionen aus der Sammlung.

Kunstmuseum Stuttgart

Kleiner Schlossplatz 13, Stuttgart.

Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag, Samstag und Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch, Freitag 10.00 bis 21.00 Uhr.

Bis 27. April 2014.

 




Kunstmuseum Stuttgart