02/04/12

Nicht ohne Fußnote

"Hirschfaktor. Die Kunst des Zitierens" zeigt im Karlsruher ZKM die Kreativität künstlerischer Aneignung.

von Annette Hoffmann
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"Hirschfaktor. Die Kunst des Zitierens" zeigt im Karlsruher ZKM die Kreativität künstlerischer Aneignung.7183zimmermannkl.jpg

Wer Missverständnisse vermeiden will, zitiert in Anführungszeichen und mit vollständigem Beleg. Doch wodurch unterscheiden sich die Appropriationen Elaine Sturtevants von der Vorlage? Durch die Idee, die genialische Ausführung? Und was meint überhaupt Original, wenn die moderne Kunst seit Duchamp eine der Aneignungen ist? Wie es die Kunst mit dem Zitat hält, erkundet derzeit eine Ausstellung im Karlsruher ZKM. Die gezeigten Werke stammen aus den mit dem Haus kooperierenden Sammlungen. „Hirschfaktor. Die Kunst des Zitierens“, so der Titel der Gruppenschau, kommt dabei selbst nicht ohne Fußnote aus. Denn besagter Hirschfaktor beschreibt die Bedeutung eines Wissenschaftlers für die Forschergemeinschaft. Es ist der Koeffizient, der aus der Schnittmenge der Anzahl der Publikationen eines Wissenschaftlers und die Menge der daraus verwendeten Zitate errechnet wird. Soweit der Ausstellungsführer.

Überträgt man dies auf Bildzitate, zeigt sich, dass Piet Mondrians Hirschfaktor recht hoch sein muss. Unzählige Künstler haben sein charakteristisches Koordinatensystem kopiert, manche, wie Jörg Sasse wollen es sogar in Mustern von Badezimmervorhängen erkannt haben. Andere wie Sylvie Fleury haben eine Serie von „Mondrian Boots“ geschaffen, die nun im Museum für Neue Kunst auf einem Haufen liegen. Nicht minder ironisch ist Mathieu Mercier in seiner Installation „Drum and Base Lafayette“ aus dem Jahr 2005 vorgegangen. Der französische Künstler ordnet in ein Regalsystem eine blaue Plastikbox, eine Rolle gelbe Plastikfolie und rote Handtücher, die letztlich ein den Bildern Mondrian vergleichbares Muster ergeben.

So erfrischend unakademisch dies ist, verweist diese Ausstellung jedoch nicht ganz grundlos auf den akademischen Kontext. Denn zwar ist die Alltags- und damit auch die Popkultur häufig Referenz für die Werke – so erinnert eine andere Arbeit Mathieu Merciers etwa an Eishockeymasken und auch Rosemarie Trockels Strickadaptionen von Kacheln sind in Karlsruhe zu sehen. Doch wer mit Gewinn diese Ausstellung besuchen will, braucht jenen Referenzrahmen, auf den sich die Künstler beziehen. Selbst wenn eine vermeintliche Hochkultur durch die künstlerische Aneignung kritisch betrachtet oder ironisiert wird, muss das Zitat doch erst einmal erkannt werden und da darf in Karlsruhe durchaus gerätselt werden.

Die gezeigten Beispiele zeigen, wie sehr sie die Sicht auf die jeweilige Referenz schärfen. Wer einen Blick auf Danh Vos „Trio“ von 2010 wirft, wird US-Flaggen wieder als politisches und nationales Symbol wahrnehmen. Danh Vo hat angerissenen Karton zusammen getackert und mit Blattgold versehen, ohne dass diese ganz unterschiedlich konnotierten Materialien zu einer Einheit fänden. Vermutlich ist das Zitat für jede Kultur fruchtbarer als ein avantgardistischer Neubeginn. Dass Ausstellungen über Kopieren und Zitate gerade derart en vogue sind, mag mit dem Internet zu tun haben, sagt aber auch einiges über unsere eklektizistische Zeit aus und dass das Zitat längst Eingang in den Kunstbetrieb gefunden hat.

Hirschfaktor. Die Kunst des Zitierens.
ZKM/Museum für Neue Kunst

Lorenzstr. 19, Karlsruhe.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 10. April 2013. ZKM