03/03/14

Selbst sind die Künstler

Eine Ausstellung in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen rückt das Material in den Fokus

von Annette Hoffmann
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Tony Cragg, Die Predigt, 1985, Courtesy Lisson Gallery, London

Eine Ausstellung in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen rückt das Material in den Fokus

Das Jahr 1960 wird in seiner Bedeutung für die jüngere deutsche Kunstgeschichte gerne unterschätzt. In diesem Jahr wurde in Mannheim der erste Baumarkt eröffnet. Zum Leidwesen der Handwerker, zur Freude der Künstler. Seitdem, so die These der Ausstellung „Raw Materials. Vom Baumarkt zum Museum“, die nach ihrer ersten Station am Museum für Konkrete Kunst Ingolstadt jetzt in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen zu sehen ist, hat mit dem Material als Selbstzweck das Rohe und zugleich Normierte in die Kunst Einzug gehalten. Das ist natürlich eine ironische Zuspitzung, denn selbst Künstler wie Michael Beutler, der unter anderem mit dem Verschalungsmaterial Pecafil arbeitet, zieht es eher zu den Handwerkern als in die großen Baumärkte. Dies lässt sich ebenso im Katalog nachlesen wie die Anekdote von Mathieu Mercier, der in den ersten Jahren, als er sich noch kein Atelier leisten konnte, direkt im Laden seine Skulpturen aus Regalböden, Kästen und anderem zusammenstellte und dann an der Kasse bezahlte – den Materialwert, versteht sich. Platzmangel ist dann auch durchaus ein Thema der Ausstellung. Selbst wenn die Kunstwerke nicht ganz so verdichtet gezeigt werden wie das Handwerkermaterial im Baumarkt, so fehlt es doch häufig an Raum, die Arbeiten zu umrunden, manche wie die von Michael Beutler waren ausschließlich in Ingolstadt zu sehen. So bleibt die Schau zwangsläufig unter ihren thematischen Möglichkeiten.

Mike Figgis‘ Video kehrt den Titel der Ausstellung um und spielt mit dem Bedeutungswechsel von musealem Raum und Baumarkt. Seine Arbeit zeigt, wie Mitarbeiter der Tate eine Bodenarbeit von Carl Andre im Rapid Hardware Liverpool auslegen. Mehrere Besucher melden sich zu Wort und sprechen darüber, ob die Aura des Werkes dem Ort standhält. Man ist sich uneins. In der Videoarbeit von Christian Jankowski hingegen kommt ein Bodenschleifgerät zum Einsatz, das das Fischgratparkett seines Ateliers in der Hamburger Kunstakademie bearbeitet. Jankowskis „Bodenarbeit“ aus dem Jahr 1993 übernimmt nur anscheinend die Ästhetik einer Produktwerbung, Jankowski beseitigt zugleich gewitzt die Arbeitsspuren seines Vorgängers Franz Erhard Walther. Bei den meisten gezeigten Werken jedoch kommt das Material unmittelbarer zum Einsatz, Thomas Rentmeister führt weißes Kabelrohr in kreisförmigen Bewegungen zu einem dreidimensio­nalen Linienknäuel und Knut Henrik Henriksen hat aus einfachen Brettern eine Wandarbeit im Negativ-Positiv-Muster gelegt. In Skandinavien, so informiert der Saaltext, seien die hellen Hölzer so allgegenwärtig wie die Raufasertapete in Deutschland.   

Raw Materials.

Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen

Hauptstr. 60-64, Bietigheim-Bissingen.

Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch, Freitag 14.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 14.00 bis 20.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 30. März 2014.

 

 




Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen