26/02/14

Litanei an die Ex

Eine präzise und kurzweilige Ausstellung im Kunstverein München befasst sich mit der Stimme im digitalen Zeitalter

von Roberta De Righi
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Cécile B. Evans, AGNES (the end is near), 2013/14, © Cécile B. Evans, Serpentine Gallery und Kunstverein München e.V.

Eine präzise und kurzweilige Ausstellung im Kunstverein München befasst sich mit der Stimme im digitalen Zeitalter

Dauerquatschen macht so müde: Anfangs ist Frances Starks Wandfigur einer Telefonierenden energiegeladen, am Ende hängt sie nur noch erschlafft über dem Apparat. Starks Arbeit „Detumescence and/or its Opposite from a Torment of Follies“, die eine Frau in Lebensgröße und mit altmodischem Telefon zeigt, bildet den Auftakt zur thematisch klar umrissenen und facettenreichen Schau „La Voix humaine“ des Münchner Kunstvereins. Ausgangspunkt für die Themenausstellung über die Beschaffenheit von

Kommunikation, Interaktion und Selbstrepräsentation im digitalen Zeitalter ist Francis Poulencs Oper „La Voix humaine“ nach einem Einakter von Jean Cocteau, hier in Dominique Delouches Filmadaption zu sehen. Darüber hinaus bringen die Kuratoren Bart van der Heide und Saim Demircan aktuelle Werke von acht zeitgenössischen Künstlern zusammen, vom Musikvideo über Zeichnung und Performance zur Netzkunst. Ein zentraler Punkt ist die dysfunktionale Kommunikation zwischen den Geschlechtern, an der sich R. Kelly und Kalup Linzy, beide aus den USA, eher aus der Macho-Perspektive abarbeiten. Der Rapper R. Kelly macht aus einer Litanei an die Ex den Sprechgesang „Real Talk“, den er als scheinbar authentisches Youtube-Video für seine Fans produzierte. In Linzys Kurzfilm „Julietta calls Ramone“ wiederum auf die Spitze getrieben, ihr Freund hatte sich von ihr am Telefon getrennt. Bei beiden, R. Kelly und Kalup Linzy, agieren die männlichen Protagonisten sichtbar hilflos und mit wenig Einfühlungsvermögen. Faszinierend zu hören ist, wie bei R. Kelly Musikalität und Sensibilität auseinanderdriften.

Cally Spooners Beitrag „Damning Evidence Illicit Behaviour Seemingly Insurmountable Great Sadness Termindated In Any Manner“ zeichnet sich durch mehrfache Brechung der Ebenen aus. Sie lässt Youtube-Kommentare als LED-Schriftband über dem Türstock laufen, wie man es aus der Oper kennt. Als Lauftext kann man hier den Shitstorm nach Beyoncés Playback-Hymne bei Obamas zweiter Amtseinführung und Lance Armstrongs Doping-Beichte bei Oprah Winfrey lesen. Immer sonntags werden die Tiraden live von Opernsängern gesungen.

Auch Tyler Coburn überträgt Gesprochenes in Schriftliches: Er bezieht sich auf einen Pionier der Kommunikationstechnik und jagt in „Naturally Speaking“ einen Text über Thomas Alva Edison, Erfinder des Phonographen, durch ein Spracherkennungsprogramm – auch eine Stufe der Abstraktion. Ins Alptraumhaft-Fantastische kippt Amélie von Wulffens autobiografisch gefärbter Comic-Zyklus „Am kühlen Tisch“. Eine Art Tagebuch in Bildern mit künstlerischer Brechung. Die Berlinerin befasst sich darin mit trockenem Humor mit diversen Versagens-Ängsten. Als stärkenden Begleiter ihres gezeichneten Alter Ego lässt sie Goya wiederauferstehen, mit dem diese allerlei bizarre Situationen erlebt. Ein Tagebuch diente auch als Grundlage für das eindrückliche Video „Life in AdWords“ der in London lebenden Griechin Erika Scourti. Sie schickte sich ihre eigenen Tagebucheinträge als Mails und ließ das Schlagwort-Erkennungsprogramm „AdWords“ darüber laufen. Werberelevante Schlüsselbegriffe, die so aus den Aufzeichnungen herausgefiltert wurden, spricht sie anschließend mit emotionsloser Stimme in die Kamera. Das Individuelle, Persönliche wird bis zur Unkenntlichkeit abgeschliffen. So reflektiert Scourti die Gegebenheiten eines Apparates, in dem der „Selfie“ als Bild-Trophäe zum Inbegriff zeitgemäßer Selbstdarstellung wurde.

 Cécile B. Evans schließlich entwickelte für die Website der Londoner Serpentine Gallery einen personifizierten Spambot — ein weitgehend autonom handelndes Programm – namens AGNES. In Evans’ Fortsetzung für den Münchner Kunstverein fürchtet AGNES um ihr virtuelles Leben und sinniert, während man in allerlei apokalyptische Welten blickt, über das Ende. Dabei rechnet sie unter anderem vor, dass die Dauer der Zugriffe aller User auf das Internet pro Tag zusammen 17 Jahre ergibt. Da wird noch mal drastisch deutlich: Auch für uns Normalsterbliche verrinnt im Netz die Lebenszeit.      

La voix humaine.

Kunstverein München

Galeriestr. 4, München

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 30. März 2014.

 

 




Kunstverein München