24/02/14

Wo ist hier der Plot?

Der Badische Kunstverein hat junge Künstler eingeladen, die sich narrativer Strukturen bedienen, ohne Geschichten zu erzählen

von Dietrich Roeschmann
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Performance Sanya Kantarovsky & Liz Magic Laser, Foto: Astrid Hansen

Der Badische Kunstverein hat junge Künstler eingeladen, die sich narrativer Strukturen bedienen, ohne Geschichten zu erzählen

„Die glücklichste Nation ist ... Dänemark!“, verkündet eine sonore Männerstimme im Foyer des Badischen Kunstvereins. Das fängt ja gut an. Mit sage und schreibe 76,93% führen demnach die Skandinavier die Weltcharts des individuell empfundenen Lebensglücks an, weit vor Deutschland (66,72%) und Lichtjahre von Togo entfernt, dem traurigsten Land des Universums (29,36%). Auf einem wandfüllenden Screen flackert dazu ein Video, das eine Gruppe von Schauspielern beim Arrangieren immer neuer Bühnenbilder aus unterschiedlich großen Holzkulissen, die entfernt an Balkendiagramme erinnern. Sie haben viel zu tun: Der Text, dem ihre Choreografie folgt, umfasst 17 Kapitel und ist aus einer Fülle statistischer Informationen montiert, die die Geschichte eines Mannes auf Sinnsuche im Internet erzählen. „Research und Reporting“ haben Sanya Kantorovsky (*1982) und Liz Magic Laser (*1981) diese Performance genannt. Ausgangspunkt sind die Forschungsergebnisse des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Joseph Campbell, der in den 1980ern Jahren die Heldenreise als archetypische Grundstruktur aller Mythen beschrieben hatte. Es ist ein schönes Bild für das, was die von Roos Gortzak kuratierte Schau in Karlsruhe verhandelt. Man könnte es auf die knappe Formel bringen: Der Weg ist das Ziel. Im Fokus stehen dabei künstlerische Prozesse, die sich in dem, was sie hervorbringen – Malerei, Videos, Installationen –, zwar auf das klassische Austellungsformat einlassen, sich diesem aber zugleich durch ihren grundsätzlich offenen Charakter entziehen. Auch wenn die jungen Künstler der Schau narrative Strukturen nutzen, die Geschichte bleiben sie – wie der Titel schon ankündigt – schuldig: „What Were You Expecting, Mr. Milquetoast, a Plot?“

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Ola Vasiljeva, Fin (Detail), 2014, Foto: Stephan Baumann bild_raum

Ein Beispiel dafür ist die weitläufige Installation, die Ola Vasiljeva (*1981) auf und um einen Teppich herum arrangiert hat, dessen Muster aus den Worten „Fin“ geknüpft ist. Was in alten französischen Filmen das Ende des Plots markiert, bildet hier den Ausgangspunkt eines wuchernden Handarbeitskosmos aus Keramiken, upgecycleten Möbeln, Wollarbeiten und Papierverschnitten, der wie das präzise komponierte Filmstill einer zufälligen Ateliersituation wirkt. Nicht weniger paradox mutet das „Shitty Archive“ des amerikanischen Künstlerduos Calla Henkel (*1988) und Max Pitegoff (*1987) an. Als Betreiber der Berliner Szenetreffs „Times Bar“ und „New Theatre“ kreisen die Arbeiten der beiden oft um die eigene Rolle als Dienstleister im Kunstbetrieb. Im Karlsruhe haben sie nun die Spuren dieser Tätigkeit ausgebreitet: Hunderte von Quittungen und Gebrauchsweisungen liegen auf dem Boden verteilt – doch die Fülle des Materials belegt nur eines: die Abwesenheit ihrer eigentlichen künstlerischen Arbeit. Verstärkt wird dieser Eindruck noch durch die halb gefüllten Cocktailgläser, die wie Überreste einer Party in den Räumen herumstehen und der beiläufigen Inszenierung der Leerstelle eine fast schon melancholische Note verleihen. Ein ähnliches Vakuum kreiert auch der Maler Vittorio Brodmann (*1987) in seiner Videoarbeit „Comedy in the Cellar“. Während er hier als dilettierender Stand Up-Comedian wortreich, aber ergebnislos darüber sinniert, ob sein Malerleben etwas Lustiges für die Bühne abwerfen könnte, lässt er auf seinen Bildern traurige Cartoonfiguren die Mimesis ans Malerische proben. Dass ein Happy End auch ohne Plot möglich ist, zeigen schließlich die Bilder von Sanya Kantorovsky, die er auf frei im Raum hängenden Ausstellungsdisplays präsentiert. Jede dieser Platten hat er mit einem überdimensionalen Herrenhemd oder Jackett überzogen. Steht ein Betrachter dahinter, mutieren die Gemälde des New Yorker so plötzlich zu abstrakten Wiedergängern von SpongeBob. Absurd. 

 

What Were You Expecting, Mr. Milquetoast, a Plot?

 Badischer Kunstverein

Waldstr. 3, Karlsruhe.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 19.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr. Bis 30. März 2014.

 

 

 






Badischer Kunstverein