21/02/14

Frisch aus dem Antiquariat

Nach seinem viel beachteten Auftritt an der Venedig-Biennale 2013 widmet sich Valentin Carron in Bern nun erstmals ganz der Malerei

von Alice Henkes
Thumbnail

carron.jpg

Valentin Carron, do ré mi fa sol la si do, 2014, Courtesy the artist, Ausstellungsansichten in der Kunsthalle Bern, Februar 2014, Fotos: Gunnar Meier

Nach seinem viel beachteten Auftritt an der Venedig-Biennale 2013 widmet sich Valentin Carron in Bern nun erstmals ganz der Malerei

Valentin Carron eroberte die Kunstwelt mit einem Kreuz. 2009 stellte der Künstler aus Martigny im Wallis vor dem Haupteingang der Art Basel ein elf Meter hohes schwarzes Holzkreuz auf. Für den Künstler war es ein Verweis auf die Formensprache des Minimalismus und auf die vielen Wegkreuze im Wallis. Doch wer wollte, konnte das gigantische Kreuz auch als ironischen Hinweis auf die Gegenwartskunst als neue Religion für Superreiche interpretieren.

Valentin Carron provoziert gern. Und er hat es damit schon weit gebracht. Im letzten Jahr durfte er an der Biennale Venedig den Schweizer Pavillon bespielen. Dort installierte er eine Eisenschlange, die sich durch den Pavillon wand, dazu gruppierte er restaurierte Ciao Mofas und Bronzeabgüsse von plattgewalzten Blechblasinstrumenten. Im heimischen Wallis hat er ähnlich unbrauchbare Trompeten als Wandschmuck in Gaststätten gesehen und sich davon anregen lassen. Doch vermutlich standen auch die Nouveaux Realistes wie Arman, Daniel Spoerri, Tinguely Pate. Gern zitiert der 36-Jährige aus Kunstgeschichte und Alltagskultur und stellt überraschende Verbindungen her. Seine Ausstellung in der Kunsthalle Bern ist sein erster grosser Auftritt nach der Biennale und wurde mit entsprechender Spannung erwartet. Was macht ein Meister der Provokation nachdem er in Venedig umjubelt wurde? Er malt.

Seit 2006 malt Valentin Carron hin und wieder. Einzelne Bilder waren bereits als Teil installativer Ausstellungen zu sehen. Doch nun zeigt Carron erstmals eine reine Gemälde-Ausstellung. Seine Bilder strahlen einen Hauch von Nostalgie aus und erinnern vage an Klassiker der Moderne, an Kubismus, Farbfeldmalerei, Abstrakten Expressionismus. Und das nicht von ungefähr: Carron malt nach Vorbildern, doch hängen diese Vorbilder nicht, wie man meinen könnte, in Museen. Sie finden sich vielmehr in alten Bücherkisten und Regalen. Die Motive der Bilder stammen von Umschlägen von Büchern aus der Nachkriegszeit. Aus einer Zeit, in der Grafiker begannen, sich der Formensprache der Kunst der Moderne zu bedienen – von Impressionismus bis Dada – und sie zu einer Massenware zu machen.

carron1.jpg


Valentin Carron, do ré mi fa sol la si do, 2014, Courtesy the artist, Ausstellungsansichten in der Kunsthalle Bern, Februar 2014, Fotos: Gunnar Meier

Mit einer gewissen Melancholie blickt Carron von der globalisierungsmüden Gegenwart aus auf die Nachkriegsjahre mit ihrem ungebremsten Wirtschaftswachstum, ihrem ungetrübten Fortschrittsglauben, ihrem scheinbar unschuldigen Optimismus. Doch zugleich sieht er inmitten dieses Aufblühens der Konsumgesellschaft einen Stillstand im kulturellen Ausdruck. Die Buchumschläge sind für ihn Ausdruck einer Kunstwelt, die auf Altes zurückgreift, weil ihr nichts Neues einfällt. Carron sieht hier durchaus auch Parallelen zur Gegenwartskunst mit ihren zahlreichen Zitaten, Hommagen, Pastichen.

Auch Carron zitiert. Doch seine Zitate nicht einfach nur Zitate, sondern gemalte Auseinandersetzungen mit Malerei und Zitat. Er malt mit Siebdrucktinte auf PVC-Planen. Mit Materialien, die für die Malerei äusserst ungeeignet sind. Die Farbe trocknet extrem schnell auf den profanen Planen. Man sieht jede Geste, jeden Pinselstrich. Künstlerische Feinheiten, Farbübergänge, Schattierungen lassen sich so nicht herstellen. Carron malt erst das Motiv in die Mitte, dann den Hintergrund. Die Bilder, die so entstehen, wirken gleichzeitig schroff und unbeholfen. Die Bild-Planen werden mit Drähten auf Rahmen aus Bleirohren gespannt. Der provisorische Charakter dieser Befestigung ist gewollt: Man könne die Bilder jederzeit ablösen und zusammenrollen, sagt der Künstler. Das Bild wird zum leicht transportablen Deko-Objekt. Dieser funktionale Charakter der Präsentation korrespondiert mit den Motiven der Bilder, die zwar an die Kunstwelt erinnern, aber letztlich der Gebrauchsgrafik entstammen.

Carron transportiert die Kunst-Zitate aus dem Buchantiquariat zurück in die Kunstwelt und diskutiert mit seinen bemalten Plastikplanen das Verhältnis von Zitat und Original, Gebrauchskunst und freier Malerei, künstlerischer Inspiration und Massenkultur.   

 

Valentin Carron: Do ré mi fa sol la si do

Kunsthalle Bern

Helvetiaplatz 1, Bern.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 23. März 2014.

 




Kunsthalle Bern