18/02/14

Von der Poesie des Geräuschs

Eine Ausstellung im Freiburger E-Werk geht dem Phänomen Klang nach

von Dietrich Roeschmann
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Sound Surrounds, Ausstellungsinstallation E-Werk Freiburg, Foto: Marc Doradzillo

Eine Ausstellung im Freiburger E-Werk geht dem Phänomen Klang nach

Irgendetwas stimmt nicht an der Eschholzstraße. Dort, wo normalerweise nur der Verkehr zu hören ist, diese endlos an- und abschwellende Klangspur der Durchgangsstraße, in die sich in stillen Momenten allenfalls das Rauschen und Gurgeln der Dreisam mischt, schwirren plötzlich seltsam fremde Sounds durch die Luft: Gemurmel aus den Gassen eines iranischen Bazars, jauchzende Kinder in der Achterbahn, das Geschrei von Badenden an einem Strand, unterbrochen von Lautsprecheransagen in nie gehörten Sprachen. „Public Address System“ heisst die akustische Outdoor-Installation, mit der die Schweizer Künstlerin Zahra Poonawala derzeit die Passanten auf dem Weg zum Freiburger E-Werk irritiert aufhorchen lässt. Treten sie ihr zu nahe, ertönt eine Polyphonie urbaner, medialer und natürlicher Klänge, die sowohl von der Sehnsucht erzählen, der Welt in den Geräuschen, die sie produziert, ihr Geheimnis abzulauschen, als auch von der hypnotischen Erfahrung, sich mitten in der Stadt im Meer der Klänge zu verlieren.

Auf sinnfällige Weise bildet Poonawalas Arbeit so gewissermaßen den Vorposten der Ausstellung „Sound Surrounds“, mit der die Kuratorin Nicoletta Torcelli im Freiburger E-Werk das grenzüberschreitende Potenzial der Klangkunst im Dreiländereck erproben möchte. Als eines von 17 trinationalen Projekten ist die Gruppenschau samt umfangreichem Begleitprogramm Teil der von der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia initiierten Veranstaltungsreihe „Triptic – Kulturaustausch am Oberrhein“. Diesen Austausch auf der Soundspur voranzutreiben, ist durchaus einleuchtend. Anders als Bilder oder Objekte haben Klänge die Neigung Räume zu sprengen. Problemlos überwinden sie physische Grenzen, sickern durch Mauerwerk oder können ganze Landschaften in akustische Nebel hüllen. 

In der Kunst hingegen gilt Sound als Artefakt bislang eher als ein Nischenphänomen, das sich keiner Disziplin eindeutig zuordnen ließe. Denn was genau sollen Klangkunstwerke sein: Skulpturen ohne Körper? Bilder ohne Träger? Entertainment, atmosphärisches Design oder eine Wissenschaft für sich?

Um diese Frage zu beantworten hat Torcelli insgesamt zwölf Kunstschaffende eingeladen, die sich auf denkbar unterschiedliche Weise mit der eigenwilligen Poesie des Geräuschs auseinandersetzen. Zur Einstimmung wartet bereits im Foyer ein kleiner Schock. Wenige Meter unter der Decke schwebt hier eine Installation aus 8 Trommelpaaren, die der Konstanzer Klangkünstler Alexander Grebtschenko zu einer Art interaktivem Begrüssungskommittee verschaltet hat. Betritt man den Raum, stürzt über einem ein Höllenlärm aus der Dämmerung, der einen jäh aus Zahra Poonawalas Weltklangraum vor der Tür zurück ins Hier und jetzt katapulitiert.

Auch zahlreiche andere Arbeiten setzen auf die Interaktion mit den Besuchern, zielen dabei allerdings weniger auf knallige Überraschungseffekte. Eine zentrale Arbeit ist in dieser Hinsicht sicher Peter Vogels legendäres Schattenorchester von 1998, für das der Freiburger Künstler ein Ensemble von 13 Klangskulpturen vor weißer Wand zu einer Skyline arrangiert hat, die von einem mit Photozellen bestückten Steuerpult aus in Bewegung gesetzt werden. Ausgelöst von blossen Schattenimpulsen entwickelt diese raumgreifende Meditation über die Visualisierung von Klang einen Zauber, dem man sich auch heute nur schwer entziehen kann. Ähnlich überzeugend präsentiert sich auch der aus Lautsprecherboxen montierte Sound-Iglu der kanadischen Künstlerin Alexis O’Hara. Die Membranen der Boxen weisen in den Innenraum dieser höhlenartigen Architektur, in der Besucher per Mikrophon surreale Mutationen ihrer Stimme erzeugen können. Umgeben vom verzerrten Sound seiner selbst, begegnet man hier auf seltsam eindringliche Weise sowohl dem eigenen Ich als auch seinem medialen Wiedergänger. Spielerischer lassen sich schizophrene Erfahrungen kaum machen. 

Einen zweiten Schwerpunkt von „Sound Surrounds“ bilden hingegen Arbeiten, die sich im weitesten Sinn als akustischer Impressionismus beschreiben ließen. So füllen Mia Schmidt und Wolfgang Motz den Kellerflur mit frühlingshaftem Entengeschnatter und Blätterrauschen aus dem Donaueschinger Schlosspark, im Seitenflügel des Kunstlabors lässt Max Philipp Schmid zum malerisch verfremdeten Video eines Waldspaziergangs Zweige knacken, und selbst unter Corsin Vogels betörend minimalistischer Installation aus rohen Glaswollematten rauscht noch der Sound eines munteren Bächleins. Das ist oft schön zu hören – nicht zuletzt auch, weil sich die akustischen Sehnsuchtsräume, die diese Arbeiten konstruieren, der strategischen Identifikation mit dem konkreten Grenzgebiet, auf die das Projekt „Triptic“ abzielt, hartnäckig entziehen. Wie komplex und abstrakt diese geraten kann, zeigt derzeit übrigens eine kleine Satellitenschau zu „Sound Surrounds“ im Alten Wiehrebahnhof, wo die Freiburger Klangkünstler Andreas Hagelüken und Ephraim Wegner ihre Komposition „Ligne Infinie“ mit Tramgeräuschen aus Basel, Freiburg und Straßburg präsentieren. Eine virtueller Dreiland-Trip für Fortgeschrittene.  

Sound Surrounds, E-Werk Freiburg

Escholzstr. 70, Freiburg.
Öffnungszeiten: Donnerstag bis Samstag 18.00 bis 21.00 Uhr, Sonntag 15.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 23. März 2014.

Galerie im Alten Wiehrebahnhof

Urachstr. 40, Freiburg.

Öffnungszeiten: Montag 18.00 bis 1.00 Uhr, Dienstag bis Sonntag 15.00 bis 1.00 Uhr.

Bis 9. März 2014.

      




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