19/02/14

Sollbruchstellen des Raumes

In der verschachtelten Architektur des Kunsthauses Baselland proben fünf Künstler den spacial turn

von Annette Mahro
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David Schramm, Accumulation 5, 2014, courtesy the artist & Galerie May Meyer, Düsseldorf & Galerie Thomas Flor, Berlin, Ausstellungsansicht: Gina Folly

In der verschachtelten Architektur des Kunsthauses Baselland proben fünf Künstler den spacial turn

Himmlisch bewegt und brachial durchbrochen präsentiert sich derzeit das Kunsthaus Baselland. Vier Kunstschaffende aus drei Ländern haben sich unabhängig voneinander seiner spröden Räumlichkeiten bemächtigt. Während Karin Hueber in ihrem Parcours Bewegungen einfriert, Boris Rebetez zur Passage in Schwarz-Weiß lädt und David Keating sichtbar Außen- und Innenraum verbindet, durchbricht Felix Schramm schließlich Wand und Raum. Sollbruchstellen hat schon der Ausstellungstitel: „4 Solos for the Kunsthaus Baselland“. Boris Rebetez (*1970) gibt den sonst verstellten Blick ins Umfeld frei. Die Fenster der drei von ihm bespielten Kabinetträume hat er aber mit durchscheinend grauen Folien beklebt, was das an sich hier schon farblose Umfeld noch eine Spur trister macht. Tragend für die „Columnist“ genannte Installation des Schweizers sind zwei wirklich vorhandene Kunsthaus-Säulen, die er veredelnd verkleidet und zu Hauptfiguren macht. Aus einer der beiden wirft ein Projektor 80 schwarz-weiße Innenaufnahmen aus einem klassizistischen Palast des 19. Jahrhunderts, die auf Teile dieser Interieurs fokussieren. Die Säule (engl. „column“) kommentiert sich damit als Kolumnist gleichsam selbst.

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David Keating, Endless, Nameless I, 2014, courtesy: the artist & Raeber von Stenglin, Zürich

Die zierlich-massive Skulptur aus Stahl und Messing, die David Keating  (*1977) in seinem Solo zeigt, tritt dem Besucher schon draußen vor der Tür entgegen und setzt sich, nur durch die bodentiefen Fenster des langgestreckten Schauraums getrennt, im Innern mit einem exakt gleichen Pendant fort. Den Titel „Endless Nameless“ hat Keating dem 1991 erschienen Album „Nevermind“ der Gruppe „Nirvana“ entnommen. Bei dem Stück handelt es sich um einen Hidden track, der nicht auf dem Cover aufgeführt ist und in diesem Fall dem letzten Song erst nach zehn Minuten Stille folgt. Entsprechend überschreite auch seine Skulptur, erklärt der Australier, unsichtbare Grenzen und balanciere auf dem Zwischenraum von Innen und Außen.Balance ist auch für die Schweizerin Karin Hueber (*1977) zentral. Ihre mehrteilige Installation im Erdgeschoss zeichnet in pastellfarbenen Skulpturen Bewegungslinien der urbanen Sportart „Parkour“ nach, bei der es Ziel ist, sich möglichst auf geradem Weg und entsprechend abenteuerlich in Stadtquartieren von A nach B zu bewegen. Huebers Installation ist als „Traceur/Traceuse“ bezeichnet, was die Sportler meint, die eine Spur hinterlassen oder eine Linie ziehen. Die Fußspuren an der weißen Museumswand erinnern an sie. Huebers Skulpturen sind gleichzeitig „Obstacles“ oder Hindernisse, wenn auch solche der freundlichen Art, haben sie doch Eingriffslöcher zum Wegtragen.

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Karin Hueber, Traceur/Traceuse, 2014, courtesy: the artist, Ausstellungsansicht: Gina Folly

Von solchem freundlichen Entgegenkommen will Felix Schramm (*1970) als letzter im Bunde nichts wissen. Der gebürtige Hamburger, der Meisterschüler von Jannis Kounellis war und sich gerne in Raum und Tiefe hineinarbeitet, hat sich folgerichtig ins Untergeschoss des Kunsthauses zurückgezogen. Seine Wanddurchbrüche oder „Spatial Intersections“ erinnern auf ihre Art an Lucio Fontanas durchbrochene Raumkonzepte, die „Concetti spaziale“. In Muttenz versucht Schramm jetzt zusätzlich die Verbindung eigener Werkreihen. Eingangs lässt er einen mehrteilig gebrochenen Keil durch eine Wand stoßen, wodurch der Blick auf eine dahinterliegende raumfüllende Arbeit möglich wird. Werkbrüche treffen hier aufeinander und lassen weitere Durchblicke zu, das allerdings ohne dem Besucher unbedingt dazu zu verhelfen.

Mit der Ausstellung profiliert sich die erst seit August 2013 amtierende Ines Goldbach ihrerseits als nicht ganz kantenlose neue Direktorin. Leichter Verdauliches reicht sie auch zum Einstieg nicht. Schwebend leicht hat sich indes eine fünfte Solistin draußen an der Kopfseite des Museums niedergelassen, von wo sie das ganze Jahr fröhlich umwölken wird. Bianca Pedrinas „Cloud Atlas“, den die Baslerin im Rahmen des „100 Jahre Meret Oppenheim“- Projekts geschaffen hat, zieht die Blicke nach oben, spielt aber Himmel vor, wo noch keiner ist.   

4 Solos: Boris Rebetez, Karin Hueber, David Keating, Felix Schramm.

Kunsthaus Baselland

St. Jakob-Str. 170, Muttenz/Basel.

Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 14.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 23. März 2014.

Zur Ausstellung erschienen: Boris Rebetez, Columnist, 80 S., 24 Franken.

 




Kunsthaus Baselland