05/10/12

Archäologische Baustellen

Die Ausstellung „Arte povera“ aus der Sammlung Goetz probt im Kunstmuseum Basel den „großen Aufbruch“.

von Sören Schmeling
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Die Ausstellung „Arte povera“ aus der Sammlung Goetz probt im Kunstmuseum Basel den „großen Aufbruch“.5011pistoletto.jpg

Als Harald Szeemann 1969 in der Kunsthalle Bern unter dem Titel „Live in your head: When Attitudes become Form” 69 Künstler einlud, verwandelte sich das Ausstellungshaus in eine künstlerische Baustelle. Nicht mehr Bilder wurden an die Wand gehängt, sondern Objekte aus Textilien, Glas, Neonlicht, Wachs oder Geäst im Raum platziert, oftmals direkt vor Ort installiert. Neben jungen Künstlern aus Übersee fanden sich darunter auch jene, die der Kritiker und Kurator Germano Celant in seiner Genueser Ausstellung von 1967 unter dem Titel „Arte Povera“ versammelte: Alighiero Boetti, Jannis Kounellis, Pino Pascali, Emilio Prini, um nur einige zu nennen.

Derzeit unternimmt das Kunstmuseum Basel den Versuch, eine ähnlich dichte Schau unter dem Titel „Arte Povera. Der große Aufbruch“ mit rund 100 Leihgaben aus der Sammlung Goetz zu präsentieren. Ohne strenge Ordnung, in assoziativ offener und nur leicht chronologischer Weise sollen sich verschiedene künstlerische Sprachen und Tendenzen zu einer Art „Gesamtorganismus“ vereinen, wie Kurator Bernhard Mendes Bürgi bei der Pressekonferenz betonte. Schon beim Betreten des ersten Raums fällt die, wenn auch recht geordnete Fülle an Objekten auf. Eine tiefgekühlte Blockflöte aus Messing liegt über einem Bleiteppich auf einem reifüberzogenen Stahlblech. Hebt der Betrachter von Pier Paolo Calzolaris Bodenarbeit den Kopf, blickt er in die Mündung eines Maschinengewehrs von Pino Pascali. Der in gefrorenen Lettern auf das Stahlblech gesetzte Titel „Eine Blockflöte, um mich zum Klingen zu bringen“ wirkt, angesichts des martialischen Kriegsgerätes noch um einige Grade frostiger. Weniger ins Auge springen die darum versammelten subtilen Arbeiten von Giovanni Anselmo: Eine durch eine Stahlklammer gebogene, hochkant stehende Plexiglasplatte oder ein durch einen Holzknüppel verdrehtes Ledertuch, dessen Enden in einen massiven Zementklotz eingegossen sind. Durch die „Torsion“ des Tuches, die der Arbeit den Titel gibt, wird das Rundholz gegen die nahe Wand gedrückt und unter Spannung in der Luft gehalten. Heiß wird es dann einige Räume weiter mit Michelangelo Pistolettos „Lumpenorchester“. Umfriedet von einem Wall aus Altkleidern geben drei Wasserkessel, die unter zwei auf Backsteinen liegenden Glasplatten stehen, ein Konzert und lassen das Glas sichtlich beschlagen. Weitere dieser materiell „ärmlich“ oder spröde anmutenden Arbeiten ziehen sich neben allerlei reduzierten Zeichnungen, Collagen und Malereien durch die Ausstellung fort. Wie Anselmos Installation „Particolare“ von 1972/73: Eine Über-Eck-Dia-Projektion, bei der das mehrfach projizierte Titelwort, besondere Aufmerksamkeit auf den Installationsraum und seiner Elemente richtet. Mit Bild und Abbild spielt nebenan auch der aufgeschüttete Kartoffelhaufen von Giuseppe Penone. Erst auf den zweiten Blick nimmt man darin in Messing nachgegossene Nasen, Münder und Ohren wahr.

Als Schlussakkord darf auch ein stählernes Iglu von Mario Merz nicht fehlen, aus dem wie eine Antenne ein Neonstab ragt. Es wird gesäumt von Spätwerken der 1990er Jahre, in denen die Bewegung bereits Manierismen entwickelte. Den Auftakt hingegen sollte eine Auswahl dokumentarischer Fotografien geben. Sie zeigen die Künstler, die Werkentstehung und vermitteln etwas vom Zeitgefühl. Hinter der Titelwand der Ausstellung versteckt, sind sie jedoch allzu leicht zu übersehen. Was bleibt, sind Zeitzeugen, wie die Leihgeberin Ingvild Goetz. Ihre Sammlung gründete sich in einer Zeit, die sie als politisch, offen und experimentell erlebte und in der man weg wollte von kapitalistischen Zwängen. Gerade die spröden Arbeiten, die materiell gegen eine Sammlung, gegen Konservierung rebellieren, sind es, die entfernt einen Ausdruck dieser Haltung vermitteln. So bleibt es die Aufgabe jetziger und zukünftiger Konservatoren, diesen Arbeiten Leben einzuhauchen. Doch allein die Dichte unterschiedlicher Positionen schafft noch keinen bissigen Atem, der nach Zigarettenrauch, Alkohol, Drogen und der vermeintlichen Freiheit riecht.

Arte povera: Der große Aufbruch.
Kunstmuseum Basel

St. Alban-Graben 16, Basel.

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 3. Februar 2012.
Ein Katalog zur Ausstellung ist erschienen bei Hatje Cantz, Ostfildern 2012, 144 S., ca. 39,80 Euro | 55 Franken.
Kunstmuseum Basel